Heiting ist Sammler, Publizist und Ausstellungsmacher
Heimat ohne Chance

Manfred Heiting managte bei Polaroid die Top-Fotografen. Mit dem Weekend Journal sprach er über Deutschland und die Foto-Szene.

Sie sind im Bereich der Fotografie ein Pionier. Sie haben auf fast jedem Gebiet ihre Spuren hinterlassen: als Sammler, Publizist und Ausstellungsmacher. Wenn Sie an Deutschland denken in Sachen Fotografie, was fällt Ihnen spontan ein?

Manfred Heiting: Da fallen mir auf der guten Seite die Fotografen und Pädagogen Fritz Kempe und Otto Steinert sowie der Essayist und Sammler L. Fritz Gruber ein. Das waren Persönlichkeiten, die Initiative und Engagement zeigten, die ihr Leben in die Fotografie investiert haben. Und davon zehren wir seit 40 Jahren. Auf der anderen Seite: die vollkommene Leere der Museen, was den Bestand an Fotografie aus dem frühen 20. Jahrhundert betrifft, das Fehlen von Fotohistorikern auf den Lehrstühlen und an den Museen und ein Deutsches Centrum für Photographie in Berlin, das nun als Sparversion, ohne Etat und Gebäude, seine Arbeit aufnimmt. Ganz anders sieht es in Holland, Frankreich und der Schweiz aus.

Wer oder was hat Sie zum Sammler gemacht?

Natürlich meine Arbeit bei der Firma Polaroid, für die ich von 1965 bis 1982 in der internationalen Zentrale in Amsterdam gearbeitet habe. Das war eine Sternstunde in meinem Leben. Als Design-Direktor hatte ich mich mit der Fotografie aus allen Bereichen zu befassen, reiste monatlich in die USA, wo meine Chefs saßen, und traf dort am Stammsitz des Unternehmens auf alles, was heute Rang hat: unter anderem auf Ansel Adams, Minor White, Walker Evans, auf Andy Warhol, Robert Mapplethorpe, David Hockney, später Les Krims, Helmut Newton und Jürgen Klauke. Die haben alle mit Polaroid fotografieren wollen.

Polaroid war der „Türöffner“. Gab es auch einen Fotografen, der Ihnen die Augen geöffnet hat?

Das war natürlich Ansel Adams. Er hat meinen Blick für die Qualität des Abzugs, für die Perfektion des Handwerks, für das ästhetische, schöne Bild geschärft. Ich nenne das Objektqualität. Fotografie ist für mich die erfolgreiche Verbindung von Kreativität und handwerklichem Können, von „arts and crafts“.

2002 verkauften Sie Ihre Sammlung an das Museum of Fine Arts in Houston. Was ist Deutschland entgangen?

Dass meine Sammlung, etwa 4 000 Bilder, nach Deutschland gehen sollte, das stand nie zur Diskussion. Nein; man hat doch in Deutschland kein Geld für den Ankauf von Fotokollektionen. Ich hätte sie auf keinen Fall verschenkt, was sicher gerne gesehen worden wäre. Aber die Sammlung ist meine Pensionskasse.

Wurden Sie denn nicht gefragt? Man hätte dann doch all die amerikanischen Fotografen gehabt, die hier in den Museen nur spärlich vertreten sind.

Das ist genau der Punkt. Warum gibt es hier keine Strands? Warum gibt es nur wenig Westons? Das systematische Sammeln, wie es Kurt Glaser als Leiter der Kunstbibliothek, Berlin, in den 20er-Jahren gemacht hat, ist nie fortgesetzt worden. Erst in den 70er-Jahren wurde wieder spärlich begonnen.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie jetzt auf den ultimativen, schönen Print stoßen?

Ich sammele immer noch, aber keine Bilder, sondern Fotobücher. Aber das dann eben auch als Objekt, also in perfektem und komplettem Zustand. Ich besitze außerdem noch ungefähr 200 Bilder. Aber ich sammle jetzt nur für die Wand, nicht mehr für die Schublade.

Wenn Sie zurückblicken: Was hat am meisten Spaß gemacht?

Am meisten Spaß hat mir gemacht, Ausstellungen wie etwa die jetzt in Düsseldorf gastierende Helmut- Newton-Schau auf den Weg zu bringen und Leute, denen das eigentlich egal ist, davon zu überzeugen, dafür Geld auszugeben. Ein Freund hat das einmal auf den Punkt gebracht: Ich sei der „Manager“ der Kreativen und der „Kreative“ der Manager.

Die größte Enttäuschung?

Dass ich die naive Idee hatte, man könnte in Deutschland, wo es das noch nicht gab, eine Galerie oder ein Museum für Fotografie aufbauen, in Frankfurt nämlich. Ich war dort 1984 bei American Express beschäftigt und dachte: Jetzt habe ich die Kontakte zu den Finanzdienstleistern und Bankiers. Leider habe ich nicht eine müde Mark gekriegt.

Heute sitzen Sie im Aufsichtsrat der CameraWork AG. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Das interessante Geschäftsmodell: Wir kaufen Archive sowie fotografische Sammlungen mit der klaren Absicht, dass die irgendwann einmal mehr Geld wert sind. Verkürzt formuliert: Es geht um Wertsteigerung durch den Besitz. Zweitens wollen wir ganz junge Fotografen fördern. Und drittens vermieten wir an Museen und Sammler Kühlräume für Farbfotografien in einem stillgelegten Salzbergwerk. Diese Art von Depots gibt es hier noch nicht.

Empfinden Sie es nicht als Bruch, wenige Jahre zuvor noch ein nationales Zentrum für die Fotografie zu konzipieren und nun die Fotografie als Anlageobjekt zu benutzen?

Das ist eine andere Art zu sagen: Leute, ihr lasst die Züge – wieder – vorbeifahren und tut nichts!

Das Gespräch führte Christiane Fricke.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%