Heizpilze statt Geldbuße
Rauchverbot auf Italienisch

Seit gut einem Jahr gehen die italienischen Behörden konsequent gegen Raucherdunst in öffentlichen Gebäuden vor. Was damals niemand ahnen konnte: Auch im Freien zu rauchen ist bisweilen komfortabel – jedenfalls in Italien.

HB ROM. Mit verschränkten Armen tippelt ein junger Römer von einem Bein auf das andere und zieht hastig an seiner Zigarette. Er steht auf dem Bürgersteig vor einer Trattoria, es ist kalt, seine nichtrauchenden Freunde sitzen drinnen im Warmen. Fast genau ein Jahr ist es her, da wurden in ganz Italien Schilder mit der Aufschrift „Vietato fumare“ – Rauchen verboten – an die Wände genagelt. Schluss mit dem „Dolce Vita“ für Raucher, „basta“ mit verqualmten Bars, Restaurants und Discotheken, bestimmte die Regierung.

Womit damals keiner rechnete: Von Mailand bis Messina haben sich selbst eingefleischte Zigarettenfans ohne großes Murren und Gezeter an das strikte Gesetz gehalten – und viele haben das Verbot sogar zum Anlass genommen, dem blauen Dunst für immer Lebewohl zu sagen. Für alle anderen wurde das Problem „alla italiana“ gelöst – ganz nach dem Motto: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Da in allen öffentlichen Innenräumen nicht mehr geraucht werden darf und für den Großteil der Lokale ein Extra-Raucher-Raum mit Belüftungsanlage zu teuer war, haben die Cafés und Pizzerien eben auf die Außenräume zurückgegriffen. Die meisten von ihnen lassen jetzt auch im Winter ihre Tische im Freien stehen, wo die Nikotinfreunde unter Heizpilzen speisen, plaudern und rauchen können.

In diesem Winter sind die Restaurantbesitzer sogar noch weiter gegangen und bieten ihren qualmenden Gästen Komfort pur im Plastikgewand: Überall in Roms Innenstadt finden sich Klarsicht- Zelte, die wie ein Wintergarten vor die Lokale gebaut wurden. Ein schöner Anblick ist das freilich nicht. „Aber Not macht erfinderisch“, lächelt eine junge Römerin und nimmt einen tiefen Zug.Immerhin: Wer gegen das Gesetz verstößt und sich doch mit einer Zigarette erwischen lässt, muss mindestens 27 Euro Strafe zahlen. Restaurant-, Kneipen- und Discothekenbesitzer, die bei rauchenden Gästen ein Auge zudrücken, müssen sogar noch wesentlich tiefer in die Tasche greifen.

„Ich finde, so ein striktes Rauchverbot ist eine Diktatur“, sagt Anwaltsgehilfin Claudia. Doch viele ihrer Landsleute sahen das anders und hörten mit dem Rauchen auf. Insgesamt ging der Zigarettenverkauf bis Ende 2005 um sechs Prozent zurück, eine halbe Million Italiener schworen dem blauen Dunst ab. „Wenn ich beim morgendlichen Espresso in der Bar oder nach dem ausgiebigen Spaghetti-Essen am Abend nicht mehr qualmen darf, dann höre ich lieber ganz auf“, bringt es ein römischer Computerfachmann auf den Punkt.

Der anfängliche Ärger ist verpufft. Allerorts riecht es wieder nach Kaffee und Holzkohle statt nach schwelenden Dunstwolken. „Und auch die Kleider stinken jetzt nicht mehr, wenn man im Restaurant war“, freut sich eine Nichtraucherin. Rauchen hat für die Italiener eben hauptsächlich mit Genuss zu tun – und nur eingefleischte Zigarettenfreunde nehmen es dafür in Kauf, vor die Tür zu gehen oder unter einem Heizpilz zu frösteln.

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