Helmut Schmidts Geheimnisse: „Was ich noch sagen wollte“

Helmut Schmidts Geheimnisse
„Was ich noch sagen wollte“

Helmut Schmidt nennt in seinem Buch „Was ich noch sagen wollte“ Vorbilder, lässt die Anfangsjahre mit Loki und den Verlust des ersten Sohnes Revue passieren. Und verrät, was er sich im letzten Lebensabschnitt vornimmt.
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HamburgHelmut Schmidt hat sich stets gescheut, dem Privaten allzu viel Raum zu geben. Jetzt, mit über 96 Jahren, hat der SPD-Altkanzler aber noch ein Buch geschrieben, das schon vor Veröffentlichung für Wirbel gesorgt hat. Am Rande räumt er einen Seitensprung Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre ein, seine Frau Loki bot ihm die Trennung an. „Was ich noch sagen wollte“ ist ein sehr persönliches Buch“, sagt er selbst. Es geht um seine Vorbilder, um den Krieg, um ein paar kleine Geheimnisse.

„Ich bin Eklektiker, das heißt, ich suche mir überall das heraus, was zu mir passt. Und wende es so an, dass es mich weiterbringt.“ So ist das Buch auch ein Streifzug durch philosophische Vorbildswelten von Aurel über Kant und Max Weber bis zu seinem Freund Karl Popper. Und der nicht für Visionen empfängliche SPD-Politiker aus Hamburg skizziert, welche politischen Weggefährten ihn geprägt haben. Das 233-Seiten-Buch des Beck-Verlags erscheint am Samstag.

Schmidt macht aus seiner Bewunderung für China keinen Hehl, dem Modernisierer Deng Xiaoping räumt er ein ganzes Kapitel ein. Es zeichne politische Führer aus, „nicht nur die nächste Wahl, sondern auch das langfristig Notwendige im Blick zu haben“. Der Trend, nur noch in Legislaturperioden zu denken, habe zugenommen.

Es darf als Spitze gegen Angela Merkel verstanden werden, wenn er meint, die letzte mutige Entscheidung eines deutschen Kanzlers liege zwölf Jahre zurück: Gerhard Schröders Agenda 2010. Den Gewerkschaften wirft er Versagen vor, weil sie zugelassen hätten, dass Vorstandschefs bis zu 15 Millionen Euro verdienen. Er kenne keinen Vorstand eines börsennotierten Unternehmens, „der sich im Sinne des Gemeinwohl verdient gemacht hat“, schreibt Schmidt.

Ein Kapitel heißt „Loki“. 68 Jahre waren sie verheiratet. „Ich konnte mich in jeder Situation auf sie verlassen.“ Sie war der Mensch, der ihm am wichtigsten war. Ohne die langjährige Freundin Ruth Loah hätte er Lokis Tod im Jahr 2010 „wahrscheinlich nicht überlebt“. Er hatte Loki bereits zur Feier seines zehnten Geburtstags eingeladen – sie vergaß ihre Baskenmütze bei ihm, und am nächsten Tag begab sich Schmidt daher auf einen Fußmarsch durch die Stadt. Und er war entsetzt, in welch armen Verhältnissen die Familie lebte.

1942 heiraten sie, der erste Sohn stirbt mit acht Monaten an einer Gehirnhautentzündung. Schmidt ist zu dem Zeitpunkt an der Front. Der Feldpostbrief mit der Todesnachricht geht verloren. „Erst aus einem späteren Brief zog ich die Schlussfolgerung, dass der Junge gestorben sein muss. Es war ein schrecklicher Moment.“

Ein Lehrstück sind die Passagen zu Hitler-Zeit und Krieg. Seine Eltern drängte er zu der Zeit, in die Hitlerjugend eintreten zu dürfen, was sie abblockten. Auf die Frage nach dem Warum sagte ihm die Mutter: „Weil du einen jüdischen Großvater hast.“ Mit Blick auf seine Zeit als Wehrmachts-Soldat betont Schmidt: „Ich war weiß Gott kein Nazi.“

Seite 1:

„Was ich noch sagen wollte“

Seite 2:

„Die Heutigen wissen alles viel besser“

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