Hinter den Kulissen wird heftig um das Papstamt gerungen
Der Tag des Joseph Ratzinger

Der Rauch am Dienstagmittag war schwarz. Das Konklave geht weiter. Um 19 Uhr wird der Kamin zum nächsten Mal angeworfen.

HB ROM. Der schwarze Rauch hängt noch unübersehbar über der Sixtinischen Kapelle, da klettern die Kardinäle schon wieder eilig in die kleinen weißen Busse und machen sich auf den Weg ins Gästehaus Santa Marta. Der Wahlgang ist vorbei, aber an Ruhe mögen die 115 Kirchenfürsten noch nicht denken. Vor allem am Abend werden entscheidende Gespräche geführt. In der Residenz, in Rom längst „Hotel Konklave“ genannt, sind auch die Nächte manchmal lang.

Natürlich dringt nichts an die Ohren der neugierigen Welt, aber die Stadt schwirrt vor Gerüchten, quillt über von Spekulationen, und manche sind begründet. Auch am Dienstag drehte sich alles um einen Namen: Joseph Ratzinger. Es galt als sicher, dass der Kurienkardinal aus Marktl am Inn im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhalten würde. „Es läuft auf Ratzinger zu“, sagte ein Vatikanexperte, und auch diejenigen, die vor Tagen noch die Möglichkeit eines deutschen Papstes für einigermaßen abwegig gehalten haben, werden nun leiser.

Neben den Ratzinger-Gruppe von 40 bis 60 Kardinälen habe sich ein weiteres Lager um den eher progressiven italienischen Kardinal Carlo Maria Martini (78) gebildet, hieß es aus dem Kreis der Geistlichen. Martini kandidiere in dem Konklave als „Gegenpol“ zum Deutschen. Allerdings ist Martini nicht mehr bei bester Gesundheit, angeblich auch gar nicht bereit, die große Last zu tragen, aber sein Einfluss reicht noch weit. Ratzinger und Martini, „zwei große Seelen des Konklave“, so nennt es der Vatikanist Luigi Accatoli.

„Wenn sich in den nächsten beiden Wahlgängen keine Mehrheit herausbildet, beginnt die Suche nach Kompromisskandidaten“, prophezeite ein Kirchenexperte. Dies sei das gängige Verfahren bei Konklaven. Auch Johannes Paul II. wurde 1978 als Kompromisskandidat gekürt, weil die Wahlmänner gespalten waren und es eine Pattsituation gab. Damals waren acht Wahlgänge notwendig, bevor weißer Rauch aufstieg.

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