Historische Analyse
Mit der Kälte kam der Krieg

Eine neue Studie stellt den Zusammenhang von Klimawandel und bewaffneten Konflikten am Beispiel der chinesischen Geschichte der vergangenen 1 000 Jahre her. Das Ergebnis: Die meisten kriegerischen Auseinandersetzungen fielen mit Kälteperioden zusammen. Die Erklärung ist einleuchtend.

DÜSSELDORF. 899 Kriege wurden zwischen den Jahren 1000 und 1911 im Osten Chinas geführt, dokumentiert sind sie in den „Tabulations of Wars in Ancient China“. Drei Forscher von den Universitäten Hongkong und London, Anthropologen und Geographen, haben diese Daten in einer makro-historischen Analyse untersucht und sie mit Wetteraufzeichnungen verglichen. Sie zogen Aufzeichnungen über Temperaturdaten der nördlichen Hemisphäre hinzu und verwendeten Computer-Rekonstruktionen für fehlende Daten.

Das Ergebnis ihrer Analyse: Die meisten kriegerischen Auseinandersetzungen in China fielen mit Kälteperioden zusammen. Die Erklärung ist einleuchtend, Temperaturschwankungen führen zur Verknappung von natürlichen Ressourcen. Die meisten Menschen in der untersuchten Region, die von Peking über die alte Kaiserstadt Xian und die Yangtse-Mündung bis in den Süden nach Guangzhou reicht, waren von der Agrarproduktion abhängig.

Große Temperaturschwankungen wie plötzliche Kälteinbrüche wirkten sich im vorindustriellen China verheerend aus, es gab weniger Reis, Gemüse und auch weniger Nutzvieh, das Volk hungerte. Kriege seien oft das letzte Mittel gewesen, um eine Umverteilung der Ressourcen zu erreichen, schreiben David Zhang und seine Kollegen. Ihre Studie ist soeben online in der Zeitschrift „Human Ecology“ veröffentlicht worden (D. Zhang, J. Zhang, H.F. Lee: Climate Change and War Frequency in Eastern China over the Last Millenium, Human Ecology, 2007, DOI 10.1007). Die von dem New Yorker Anthropologen Daniel G. Bates herausgegebene Fachzeitschrift ist interdisziplinär rund um das Thema Mensch, Gesellschaft und Umwelt konzipiert, Autoren sind Sozialwissenschaftler, Geographen, Psychologen und Biologen.

Bisher seien bei der historischen Erforschung der Ursachen von Kriegen ökonomische, politische und ethnische Quellen herangezogen worden, aber keine Klimadaten, schreiben Zhang und seine Kollegen. Im Falle Chinas werde generell das extreme Bevölkerungswachstum als Ursache für politische Instabilität genannt. „Aber es waren die durch langfristige klimatische Veränderungen ausgelösten Schwankungen in der Agrarproduktion, die Chinas Krieg-und-Frieden-Zyklus bestimmten.“ Es habe in Kälteperioden in allen sozialen Klassen einen Wettbewerb um sinkende Ressourcen gegeben.

Auch dynastische Veränderungen fielen mit Kälteperioden zusammen. Die Forscher untersuchten das am Beispiel der Ming-Dynastie, die seit 1368 China beherrschte. Zwei Mal habe es in der Ming-Periode extreme Kälteeinbrüche gegeben, um 1448 mit Hungersnot und Trockenheit, während gleichzeitig die Mongolen im Norden des Reiches ihre Einfälle verstärkten.Auf eine lange Wärmeperiode folgte Ende des 16. Jahrhunderts der zweite Kälteeinbruch mit Trockenheit und Ernteausfällen im Norden und großen Überschwemmungen im Sommer, der bis in die 40er-Jahre andauerte – parallel stiegen Rebellionen und Invasionsversuche an den Grenzen des Reiches an, bis 1644 das Ming-Reich unterging und sich die Mandschu etablierten.

Wissenschaftler sollten bei der Ursachenforschung von Kriegen auch klimatische Veränderungen mit einbeziehen, lautet das Fazit der Studie, denn „nach wie vor ist trotz des technologischen Fortschritts die Mehrheit der Weltbevölkerung von der Landwirtschaft abhängig, und diese ist Klimaänderungen schutzlos ausgesetzt“.

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