Hochwasser
Das weiße Gold säuft ab

Die verheerenden Regenfälle und Überschwemmungen sorgen beim Spargel für Ernteausfälle von über 60 Prozent. Noch sind die Folgen der Wetterkatastrophe für die Bauern noch nicht abschätzbar.
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NürnbergWadenhoch steht das Wasser zwischen den mit schwarzen Plastikplanen abgedeckten Spargel-Beeten. Nach wochenlanger Kälte regnet es in dem fränkischen Spargeldorf Hausen an der Regnitz seit Tagen.  Das für die Jahreszeit außergewöhnlich miese Wetter entwickelt sich für die Anbauer des Stangengemüses zur wirtschaftlichen Katastrophe. „Wir rechnen mit einem Ernteausfall von über 60 Prozent“, sagt die Spargelbäuerin Kathrin Güthlein. Seit vier Uhr morgen steht die 30-Jährige auf den Beinen. In der Spargelzeit von Anfang April bis zum 24. Juni – Johanni (Gedenktag der Geburt Johannes des Täufers) – herrscht auf dem Bauernhof auf halben Weg zwischen Bamberg und Nürnberg Hochbetrieb. Vor über drei Dekaden haben ihre Eltern, Lydia und Elmar Kupfer, den Spargelanbau massiv ausgebaut. Die lockeren Sandbänke entlang der Regnitz, die im Westen die Fränkische Schweiz begrenzt, die Regenarmut durch den Steigerwald im Westen und das vergleichsweise milde Flussklima begünstigen eigentlich den Anbau des edlen Gemüses. Doch in diesem Jahr ist alles anders.

„So eine schlechte Saison haben wir noch nicht erlebt“, sagt Kathrin Güthlein, dick eingepackt an ihren Straßenverkaufsstand. Der Regen prasselt auf die eng zusammengestellten Sonnenschirme in strahlenden Grün und Orange. „Das Schwerste für uns ist: man kann mit Spargel nur schlecht planen. Bei schlechtem Wetter kann es eben durchaus sein, dass es einfach keinen Spargel gibt“, sagt die Spargel-Bäuerin. An diesem eiskalten Tag gibt es wenig zu ernten. Spargel ist eben kein Industrie-, sondern ein Naturprodukt. Das „weiße Gold“, wie der Spargel gerne genannt wird, braucht Wärme und Trockenheit. Und die gibt es zu diesem Zeitpunkt in ganz Mitteleuropa nicht und schon gar nicht in Hausen, wo gerade der örtliche Hirtenbach gerade die Dorfstraßen überschwemmt.

Die Lage der Spargelbauern an Main, Regnitz und Donau ist ein Desaster, dessen Auswirkungen noch gar nicht abzuschätzen sind. „Das ist ein trauriges Schauspiel, was sich gerade vor meinen Augen abspielt. Um ehrlich zu wissen, wir wissen noch gar nicht wie groß der Schaden sein wird“, sagte Hans Höfler, Vorsitzender des Spargel-Erzeugerverbandes in Franken, dem Handelsblatt am Montag. Doch es geht nicht nur um die aktuellen Schäden. „Wenn die Wurzeln das Faulen anfangen, kann es nächstes Jahr zu einem totalen oder teilweisen Ernteausfall kommen. Durch das viele Wasser kann die Pflanze irreparabel beschädigt werden.“ Der Bauer aus dem fränkischen Knoblauchsland im Norden Nürnbergs ist verzweifelt: „So eine Situation in einer solchen Größenordnung habe ich noch nicht erlebt.“

Bei den politisch Verantwortlichen herrscht unterdessen Ratlosigkeit. „Wir können die Schäden noch nicht benennen“, sagte ein Sprecher des bayerischen Landwirtschaftsministeriums in München am Montag. „Entscheidend wird sein, wie schnell sich das Wasser in den nächsten Tagen von den landwirtschaftlichen Flächen zurückzieht“, sagte der bayerischen Landwirtschaftsminister Helmut Brunner bei Osterhofen unweit der Donau-Stadt Deggendorf, wo er sich am Montag ein Bild von der aktuellen Situation machte. Eines ist aber bereits klar, das Kabinett unter Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) wird sich am Mittwoch mit den Auswirkungen der Wetterkatastrophe beschäftigen.

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