Höhen und Tiefen 2005
"Neue Ehrlichkeit" macht sich breit

Ein Trend dürfte 2005 vieles überlagert haben: die Renaissance alter Werte, von Gesellschaftsforschern auch als Sinnsuche und "neue Ehrlichkeit" beschrieben. Beispiele dafür gibt es viele, vom gewaltigen Zulauf beim Weltjugendtag in Köln bis zu Entscheidungen von Spitzenköchen, auf Sterne zu verzichten und sich ohne großen Rahmen aufs Kochen zu konzentrieren.

HB HAMBURG. Zum Höhenflug der Werte passt die Euphorie, mit der die Deutschen Klassiker-Jubiläen zelebrierten. Der 200. Todestag Friedrich Schillers im Mai wurde ebenso zum nationalen Ereignis wie der 50. Todestag Thomas Manns im August. Einen Boom erlebten speziell zusammengestellte Literatur-Bibliotheken, herausgegeben von Medien aller Art bis hin zum "Kanon" Marcel Reich-Ranickis. Klassische Künstler wie die russische Sopranistin Anna Netrebko, der Pianist Martin Stadtfeld oder der Bass-Bariton Thomas Quasthoff galten fast schon als Kult.

Begleitet wurde das Interesse an Klassikern vom kollektiven Erinnern in eine ganz andere Richtung: Zeitungen, Bücher und TV-Dokumentationen waren über Monate geprägt durch historische Rückblicke auf den Holocaust, die Bombardierung Dresdens und das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945.

Im Alltag hatte ein Begriff Hochkonjunktur, der zur Werte-Debatte passt: authentisch sein. Was echt, gefühlsintensiv und zuverlässig wirkte, kam 2005 in der Werbung ebenso gut an wie in der Mode. Eine Chemiefirma wirbt mit dem Periodensystem der Elemente, eine Bank setzt auf Leidenschaft. Weinliebhaber schworen auf "Terroir", auf Wein, geprägt durch die Eigentümlichkeit von Lage, Boden und Klima. In der Mode gehörten weich-fließende Kleider, grobe Wollschals und hautenge Jeans zu den Tops. Auf dem absteigenden Ast: falscher Glanz und Glamour.

Beim Topthema Essen gab es zwei große Ziele: Gesundheit und Genuss, am besten vereint. Koch-Shows boomten im Fernsehen weiter. Bücher von Küchenstars wie Tim Mälzer oder dem Briten Jamie Oliver waren Renner. Als Flop erwiesen sich dagegen die häufig lückenhaften Lebensmittelkontrollen beim Fleisch. Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) stellte deshalb Ende des Jahres einen 10-Punkte-Plan zur besseren Durchleuchtung der Kühlhäuser auf. Zuvor waren über Wochen immer neue Funde von "Gammelfleisch" publik geworden.

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