Hoeneß-Prozess
Knapp vorbei ist auch daneben

Noch ist das Urteil im Fall Hoeneß nicht gesprochen, doch eine Einstellung würde wohl selbst die Verteidigung überraschen. Dem Manager droht eine Haftstrafe. Er kann nur noch auf die Bewährung hoffen.
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MünchenUngerührt betrachtete Ulrich Hoeneß den Staatsanwalt, als dieser die Haftstrafen für die Steuervergehen in sieben Fällen zu einer Summe von fünfeinhalb Jahren summierte. Tränenfeucht wurden Hoeneß' Wangen erst, als sein eigener Verteidiger mit mächtiger Stimme zu seinen Gunsten sprach und die Wirksamkeit seiner Selbstanzeige verteidigte.

Die Schilderung des eigenen redlichen Bemühens, zur Steuerehrlichkeit zurückzukehren, schien ihn zu Tränen zu rühren. Erst recht der Antrag der Verteidigung, das Verfahren entweder einzustellen oder eine Bewährungsstrafe zu verhängen.

Er habe dem nichts hinzuzufügen, sagte Hoeneß, nachdem sein Anwalt Hanns Feigen das Plädoyer beendet hatte. „Ich hätte das nicht besser sagen können“, bemerkte er noch, was von ungebrochenem Selbstbewusstsein zeugt. Wahrscheinlich hätte der Ex-Fußballer, so lassen die Einlassungen des ersten Prozesstages am Montag vermuten, es wesentlich schlechter gesagt.

Der Präsident des FC Bayern München und Aufsichtsratschef der zugehörigen AG ist vor der 5. Strafkammer des Landgerichts München II angeklagt, dem deutschen Fiskus in den Jahren 2003 bis 2009 wesentliche Erträge auf zwei Schweizer Konten verschwiegen und Steuern in großem Umfang hinterzogen zu haben.

War in der Anklage noch von einer Steuerverkürzung von 3,5 Millionen Euro die Rede, ist mit Hilfe einer Zeugin der Finanzbehörde Rosenheim inzwischen die Zahl von 27 Millionen Euro allerseits anerkannt, auch von Seiten der Verteidigung. Der Vorsitzende Richter Rupert Heindl hat die Beweisaufnahme heute Morgen abgeschlossen, Staatsanwalt und Verteidigung haben ihre Plädoyers gehalten, das Urteil wird ab 14 Uhr erwartet.

Mit gesenktem Kopf, eifrig notierend, nahm Heindl die Plädoyers entgegen. Kein Mienenspiel verriet, wie er die einzelnen Argumente wog. Seine Aufgabe und die seiner Kollegen ist nicht leicht, nicht nur wegen des öffentlichen Drucks – sogar die Bild-Zeitung will Hoeneß inzwischen „verknackt“ sehen – und der Prominenz seines Angeklagten.

Davon, so traut man dem besonnen und selbstbewusst agierenden Heindl zu, wird er sich getrost freimachen. Aber der Fall ist tatsächlich nicht ganz klar und es gibt, so argumentiert zumindest die Verteidigung, keine Referenzurteile, auf die man sich beziehen kann.

Überzeugend wirkte auch der Staatsanwalt Achim von Engel – obwohl nicht von der dröhnenden Statur und listigen Formulierungslust eines Hanns Feigen. Auch wenn Engel es am Ende offen lässt, ob „die Tat entdeckt war“, als Hoeneß am 17.1.2013 seine Selbstanzeige zu den hinterzogenen Steuern abgab, gelingt es ihm doch, einen erst durch die Recherchen eines Sternjournalisten aufgeschreckten Steuerhinterzieher voller „krimineller Energie“ zu zeichnen, der sich all die Jahre sicher fühlte und „keinerlei Aktivität“ zeigte, sich auf die Erklärung seiner unterschlagenen Gewinne vorzubereiten.

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  • Nach den deutschen Gesetzen dürfen nur Straftäter strafrechtlich verurteilt werden. Ob Herr Hoeneß eine Straftat tatsächlich begangen, Steuern hinterzogen hat, bedarf doch zuvor einer steuerlichen Ermittlung.

    Dies ist bisher nicht erfolgt. Selbst die Selbstanzeige von ihm ist nicht geprüft.

    Unter geprüft verstehe ich, dass eine andere Zahl verbindlich daneben gelegt wird. Die vernommene Steuerfahnderin hat zwar eine andere Zahl auf den Tisch gelegt, aber verbindlich ist diese nicht. Solange also keine Straftat bestätigt ist, darf es keine strafrechtliche Verurteilung in einem Rechtsstaat geben.

    Wollen wir einmal sehen, ob das Gericht eine nicht bewiesene Straftat strafrechtlich ahndet?

    Wenn der Richter clever ist, dann fordert er den Gesetzgeber auf die Steuergesetze in verständliche Form zu bringen und so der Steuerfahndung ein Instrumentarium anhand zu geben, mit dem sie und Steuerpflichtige gleichermaßen arbeiten können.

    Wäre Hoeneß gleich Mollath, wäre er mit Sicherheit verloren? Es ist die Frage, ob die Justiz bei falscher Anwendung und Verdrehung der Sachlage (Verlust und Gewinn zu verwechseln) ebenfalls zum Straftäter wird?

  • Tja, 3 Jahre 6 Monate sind ja schon mal ne Ansage...

  • Das Problem ist doch nicht die Nachzahlung.

    a) es ist ungewiss, ob es wirklich die gesamte Summe ist, um die es gehen müsste

    b) um die Nachzahlung kommt er nicht rum. Es ist die Schwere des Vergehens, die uns umtreibt. Für diese Größenordnung darf es keine Selbstanzeige mehr geben. Nur da sicher viele unbekannte Prominente noch da draußen rumlaufen, möchte man das nicht, sonder durch die Hintertüre der Selbstanzeige womöglich auch die eigene Freiheit schützen?

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