Hoeneß-Prozess: Und stündlich wächst die Steuerschuld

Hoeneß-Prozess
Und stündlich wächst die Steuerschuld

Immer neue Summen werden bekannt und kosten Uli Hoeneß weiter an Glaubwürdigkeit. Die Steuerfahnderin sagt aus, er habe zusätzliche Millionen und damit insgesamt 27,2 Millionen hinterzogen. Hoeneß schien den Tränen nah.
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München„Ein großer Schuhkarton voll Daten“ – so nennt Richter Rupert Heindl das, was den Finanzbehörden, der Staatsanwaltschaft und auch ihm selbst gerade vorliegt. Der Vorsitzende der 5. Strafkammer am Landgericht München II, der mit seinen Kollegen seit gestern über den Steuersünder Ulrich Hoeneß zu Gericht sitzt, zeigt sich vom Aufklärungswillen des Angeklagten immer noch nicht beeindruckt.

Was die heutige Zeugin, die Steueramtsrätin Gabriele H. aus Rosenheim, über das Jahr von Hoeneß Selbstanzeige am 17. Januar 2013 bis zur plötzlichen Übergabe großer Datenmengen am 27. Februar 2014 berichtet, ist nicht gerade dazu angetan, das Vertrauen in diesen Willen zu vergrößern. Monatelange Geduld mit dem prominenten Angeklagten wurde nicht belohnt; im Gegenteil, man musste sich von Hoeneß verschaukelt fühlen.

Die Summe der angeblich hinterzogenen Steuern wächst immer weiter: In der Anklageschrift hatte der Staatsanwalt noch einen Betrag von 3,5 Millionen aufgeführt – bei 33 Millionen zu versteuerndem Gewinn. Am ersten Prozesstag dann die große Enthüllung: Hoeneß räumte ein, dass es sogar 15 Millionen mehr und damit 18,5 Millionen hinterzogene Steuern seien.

Doch damit immer noch nicht genug: Am Dienstagmittag sagte eine Rosenheimer Steuerfahnderin aus, es handele sich bei der dem Fiskus vorenthaltenen Summe um mindestens 23,7 Millionen Euro. Die Berechnung dieser Steuerschuld basierte demnach auf neu eingereichten Unterlagen für die Jahre 2003 bis 2006. Die von der Staatsanwaltschaft genannte Zahl 3,5 Millionen käme damit noch obendrauf. Damit hätte Hoeneß, sofern die Angaben stimmen, 27,2 Millionen Euro hinterzogen.

Entsprechend niedergeschlagen sitzt Hoeneß auf seinem Stuhl in der Anklagebank. Vor den Fotografen gelingt ihm noch ein Lächeln; für den Rest des Tages sieht er so aus, als wolle er jeden Moment in Tränen ausbrechen. Zum Spiel seines Vereins heute Abend wird er aber auf jeden Fall kommen; das sagte sein Sprecher – von Hoeneß erst am vergangenen Freitag engagiert – auf Anfrage in einer Verhandlungspause.

Werden die Fans ihm immer noch zujubeln, nachdem sich nun andeutet, dass der Präsident ihres Vereins und Aufsichtsratschef der zugehörigen AG einen zweistelligen Millionenbetrag an Steuern nachzahlen muss? Ist er trotzdem noch ihr Uli?

Audi-Chef Rupert Stadler hat ihn jedenfalls nicht fallengelassen auf der heutigen Bilanzpressekonferenz seines Unternehmens, das an der FC Bayern AG beteiligt und im Aufsichtsrat vertreten ist. Er will nach wie vor ein rechtskräftiges Urteil über Hoeneß abwarten. Das könnte nun doch erst später als ursprünglich geplant an diesem Donnerstag fallen; eine Sprecherin des Landgerichts deutet dies heute an.

Ob der Prozess angesichts des des prall gefüllten Daten-Schuhkartons, dessen Auswertung Monate dauern könnte, verlängert werden muss, entscheidet sich laut Gerichtssprecherin Andrea Titz am Mittwoch. Zuvor hatte sie eine Urteilsverkündung wie geplant am Donnerstag als „nicht mehr sehr wahrscheinlich“ bezeichnet.

Fraglich ist, ob man Hoeneß nicht auch verurteilen kann, ohne den besagten Schuhkarton, vor allem ohne die komplizierten Devisenspekulationsgeschäfte, genau gesichtet und nachvollzogen zu haben. Denn diese Geschäfte stecken ja offenbar hinter der Riesensumme von 15 oder 20 Millionen Euro zusätzlich hinterzogenen Steuern.

Für Mittwoch sind zwei zusätzliche Zeugen vor dem Münchner Landgericht geladen, darunter ein Betriebsprüfer. Danach will das Gericht beschließen, ob weitere Verhandlungstage notwendig sind. Zudem habe die Verteidigung des FC-Bayern-Präsidenten nun Gelegenheit, die Berechnungen der Rosenheimer Steuerfahndung zu einer noch höheren Steuerschuld zu überprüfen

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Daten – erstellt am 18. Januar, geändert am 24. Februar

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  • Das ist vermutlich noch nicht die endgültige Summe, die der undurchsichtige Zocker hinterzogen hat.

    Viel interessanter wäre aber die Herkunft der vielen Hundert Millionen, die auf schweizer und deutschen Konten gebunkert war.

    Kann man denn mit ehrlicher Arbeit soviel Geld verdienen, zumal der Hinterzieher mit seinen Zockereien unter dem Strich angeblich Geld verloren hat?

    Da stimmt doch etwas nicht.

    Dass sich das Gericht mit dieser Frage nicht beschäftigt, ist der erste Skandal.

    Der zweite Skandal wäre, wenn der Kerl nicht in den Knast müsste und das Urteil nach Art der Gutsherren im Staat der Vetternwirtschaft und Korruption milde ausfallen würde.

    Zum Vergleich: Jetzt hat ein Gericht einen hungrigen Studenten wegen des "Raubs" von Lebensmittelabfällen eines Supermarkts für 3 Monate in den Knast geschickt.

    Und wie urteilen unsere tollen Richter über den größten Steuerhinterziehungs-Fall der letzten 10 Jahre?

  • Dazu steht etwas in der Süddeutschen von gestern 14:02 Titel: Wie Hoeneß die Fahnder vertröstete. Es gibt mittlerweile eine Excel Liste von der Bank, allerdings hat U.H. auch Derivatetermingeschäfte getätigt, die mal steuerfrei sind und mal nicht. Möglicherweise berücksichtigt die Bank nicht (oder kann es nicht) was in Deutschland steuerfrei ist und was nicht. Ich vermute auch, dass Uli Hoeneß diese zahlreichen Geschäfte nicht alle selber getätigt hatte, sondern sein Bankberater dazu eine entsprechende Vollmacht hatte. Das wird der Prozess vielleicht noch klären, wenn es relevant sein sollte.

  • Ich finde es unakzeptabel wie der Mann öffentlich demontiert und gedemütigt wird. Ich bin kein Anhänger von Uli H. oder Bayern-FAN. Er ist daneben getreten und hat die Bodenhaftung verloren. Das, dass er alles telefonisch über seinen Devisenhändler abgewickelt glaub ich ihm sofort; er wird sich bestimmt nicht an den PC gesetzt haben und die ganzen 70.000 Orders selbst eingegeben haben. Das macht seine Schuld rein formal aber auch nicht geringer.
    Allerdings geht mir die Debatte zu weit nach links und lenkt von anderen genau so drängenden Problemen ab. Die da heißen Steuergeldverschwendung. Würde man in solchen Fällen auch so drastische Strafen fordern (die strafbefreiende Selbstanzeige will die SPD ja am liebsten ganz abschaffen, die CDU diese erheblich einschränken)und judizieren wären die Gefängnisse voll. Was ist schlimmer das Geld zum Fenster rausschmeißen oder es dem Staat vorenthalten?

    Ich bin von Berufs wegen mit dem Steuerrecht intensiv befasst. Der Staat lässt keine Möglichkeit aus die Steuerinländer auf eine mittlerweile unerträgliche Art zu schröpfen. Ständig werden heimlich Steuern erhöht, Paragraphen, Steuerrichtlinien geändert - natürlich immer aus fiskalischen Gründen. Die Kalte Progression wird nicht abgeschafft oder gemildert. Rentner müssen Ihre Rente ganz oder zum Teil doppelt versteuern. In Berlin sitzen tausende Beamten die den ganzen Tag überlegen wie sie das Steueraufkommen erhöhen können und mit ein paar unauffälligen Tricks dem Bürger das Geld aus der Tasche ziehen. Das ist der Skandal. Ohne Zweifel brauchen wir einen Staat und der soll auch finanziell ordentlich ausgestattet sein. Nur als Beispiel: 1958 zahlte man den Spitzensteuersatz von 56% bei 120.000/240.000 DM. Das war damals ein Fabrikanteneinkommen. Heute zahlt man bei ca. 53.000/106.000 € etwa 44,31%, jeweils ohne Kirchensteuer. Ein Einkommen, das sich angesichts der Preise in den Ballungsräumen bestenfalls noch durchschnittlich ist. Das Verhältnis stimmt einfach nicht mehr!

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