Hotline für Verärgerte
Kirche schaltet eine Wut-Nummer

Enttäuschung, Entsetzen - und jeden Tag mehr Kirchenaustritte: Die umstrittene Rehabilitierung des Holocaust-Leugners Bischof Richard Williamson durch Papst Benedikt XVI. schlägt nicht nur politische hohe Wellen, sondern erregt auch die Gemüter der Gläubigen. An der Kirchenbasis brodelt es.

HB HAMBURG/STUTTGART/MANNHEIM. Viele Katholiken sind enttäuscht oder entsetzt über das Zugehen des Papstes auf die Gruppierung der erzkonservativen Traditionalisten. Papst Benedikt XVI. hatte die Exkommunizierung von vier umstrittenen Bischöfen zurückgenommen. Einer von ihnen - der Brite Richard Williamson - hatte die Ermordung von sechs Millionen Juden in den Gaskammern der Nazis bestritten. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart habe die Entscheidung des Papstes "große Verunsicherung" ausgelöst, sagte ein Sprecher. Auch in Freiburg, Köln und Mannheim äußerten Gläubige Enttäuschung und Verständnislosigkeit.

Einzelne Gemeinden verzeichneten seit einigen Tagen eine ungewöhnlich hohe Zahl an Kirchenaustritten, sagte der Stuttgarter Sprecher. Aktuelle Zahlen für die gesamte Diözese gebe es aber noch nicht. Auch der Freiburger Dompfarrer Claudius Stoffel sagte: "Immer mehr Menschen bekunden ihre Absicht, aus der Kirche auszutreten." Im Ordinariat und in den Kirchengemeinden gingen viele E-Mails und Briefe ein. "Die aktuellen Geschehnisse rund um den Vatikan werden von den meisten Gläubigen intensiv verfolgt und emotional diskutiert."

Viele Katholiken wünschen sich eine eindeutige Stellungnahme des Papstes. Rom müsse sich erklären, sagte Pfarrer Stoffel. "Wir brauchen jetzt mehr Transparenz und eine bessere Kommunikation." Der Diözesanjugendleiter des Bundes der Katholischen Jugend (BDKJ) in Freiburg, Ingmar Neumann, sagte: "Viele fragen besorgt, ob das der neue Kurs der katholischen Kirche ist." Der Papst müsse eingestehen, dass er einen Fehler gemacht habe. "So etwas würde gerade auch bei den jungen Leuten sehr positiv aufgenommen werden."

Ärger-Hotline in Mannheim

Entrüstung wurde auch in der Domstadt Köln laut: "Die Kirche steht doch dafür, dass alle vor Gott gleich sind", sagte die Studentin Katharina Dannhausen. "Ich verstehe nicht, wie gerade der Papst jemanden unterstützen kann, der als Repräsentant der Kirche für den Antisemitismus steht und damit eine Gruppe abwertet."

Ihren Zorn auf den Vatikan können Gläubige nun auch bei einer eigens eingerichteten Telefon-Hotline loswerden. Die Hotline der katholischen Kirchengemeinden in Mannheim richte sich an Menschen, "die verärgert und verängstigt sind", sagte der Jesuitenpater Hans- Joachim Martin von der Citykirche am Markt St. Sebastian.

Die teilweise Rehabilitierung der vier Bischöfe sei das falsche Zeichen gewesen, sagte Martin. Viele Anrufer seien sehr empört und fragten, wie der Papst "so unsensibel" sein könne. "Unser Glaube hängt nicht vom Papst ab" - das versuchten die drei Mitarbeiter der Hotline zu vermitteln und die Anrufer zu ermutigen. Das Gespräch zwischen Juden und Christen verlaufe auf der Ebene der Gläubigen und sei nicht abgebrochen, betonte Martin. Die Hotline (0621-40 04 zwölf 20) ist bis auf weiteres täglich von 9.00 bis 18.00 Uhr geschaltet.

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