Hundehaufen
Hauptstadt der Köter

In Berlin regiert höchst rustikal ein Hundeheer mit einer Million Pfoten. Mehr als 100 Millionen Haufen hinterlassen die Vierbeiner jedes Jahr. Die Politik hat jetzt ihre Kapitulation erklärt.

BERLIN. Für Mopsi (Name von der Redaktion geändert) tut das Frauchen mit den feuerroten Haaren fast alles. Drei Mal pro Tag begleitet sie ihn beim unvermeidlichen Verrichten. Kurzbeinig und schwer röchelnd, schleppt er sich genau so oft knapp über den Bürgersteig. Mopsi ist eigentlich ein Mops aus Friedenau und hat deshalb schwer an sich zu tragen. Grau mit schwarzer Schnauze dreht er langsam seine nackenlose Front zur Seite und begutachtet ein Wauwau-Frauchen beim Pinkeln. Während die reinrassige Hundedame dann abdrückt, muss das Frauchen mit dem rot gefärbten Schopf mit aller Macht an der Leine zerren, damit Mopsi spürt, dass selbst in Berlin nicht alles geht, was ein Hund sich so erträumt.

Denn in Berlin geht es verdammt freizügig zu, um nicht zu sagen: libertär. Natürlich ist die Hauptstadt auch bei Mopsens einsame Spitze: „Dirty, aber sexy.“ Hier darf hingekotet werden, wo das Zeug hinplatscht - und der Mensch gleich hinterher. In der Metropole der Köter hinterlassen Vierbeiner 55 Tonnen Kot – nicht Jahr für Jahr, sondern Tag für Tag.

Das ist einsame Weltspitze und lässt selbst die vermeintlich ruchlose Hauptstadt der Pudel, Paris, provinziell aussehen. Dort müssen die „Kakasakis“, die motorisierten Hundekotbeseitiger, nur schlappe 15 Tonnen am Tag wegfahren. Kinkerlitzchen. Und: Sie tun es auch, meist.

Um dem schlechten Eindruck entgegenzuwirken, den das kotige Geschehen im Ausland auslöst, hat Berlin jetzt eine Aktionswoche gestartet. Eine Art Großoffensive mit 150 000 Plakaten, 100 000 Flyern für die Schulen, 50 000 Gratis-Hundekottüten und verschärfter Bußgeldandrohung. Umsonst. „Bezirke geben klein bei“ riefen die lokalen Blätter Anfang der Woche die Kapitulation der Politik vor dem Kot aus. Die Richter haben die meisten Bußgeldverfahren nicht zugelassen. Meist fehlte die exakte Zuweisung von Tat zu Täter.

In Wahrheit regiert in Berlin längst der Vierbeiner. 103 000 von ihnen sind gemeldet, steuerlich erfasst. Die Dunkelziffer ist immens. Nach Schätzungen des Senats soll das Tretminenheer auf über 250 000 Tiere angewachsen sein. Der Senat hat gerechnet: Im Jahr lässt die bellende Truppe 146 Millionen Minen zurück.

Kein Wunder, dass angesichts der unappetitlichen Dimension des Problems ein bitterer Streit in Berlin geführt wird. In den Hauptstadt-Gazetten toben sich Feuilletonchefs, Architekturexperten, Hauptstadtreporter, Leitartikler und Städteplaner, ganze Heerscharen entrüsteter Leserbriefschreiber aus und streiten darüber, wie man den bis zu viermal am Tag Kotenden – bei strenger Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel – zu Leibe rücken kann oder ob man dies überhaupt muss. Engagiert und konsequent politisch zeigte sich dabei einzig Ekkehard Band, SPD-Bezirksbürgermeister von Tempelhof-Schöneberg. Wer ihm lauscht, muss einen zweiten 9/11-Terroranschlag befürchten, diesmal von Hunden angezettelt. Band fordert „schwerpunktmäßige Kontrollen mit der gebotenen Konsequenz zu allen klassischen Gassi-Zeiten“, also drei bis viermal am Tag; „Zivilstreifen der Polizei“, also verdeckte Hunde-Ermittler, die die Delinquenten „in flagranti“ erwischen sollen.

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