Hunderte Tote
EU erwägt Sondergipfel zur Flüchtlingskrise

Wieder ein Flüchtlingsdrama, wieder Hunderte Tote: Ein Überlebender berichtet von 950 Menschen an Bord des jüngsten Unglücksbootes. Rufe nach einem Eingreifen der EU werden lauter. Ratspräsident Donald Tusk wird aktiv.
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RomEs ist mitten in der Nacht, die Flüchtlinge in dem voll besetzten Fischerboot sind verzweifelt. Sie haben um Hilfe gerufen, ein portugiesischer Frachter nähert sich. Die Migranten wollen die Retter erreichen und klettern auf eine Seite des Bootes. Daraufhin kentert ihr Schiff, Hunderte Menschen stürzen ins Meer und ertrinken. So rekonstruieren die Einsatzkräfte die erneute Flüchtlingstragödie im Mittelmeer, bei der hunderte Flüchtlinge vor der Küste Libyens ertrunken sein könnten. Das Entsetzen in Italien und Europa ist groß.

Nach Angaben eines Überlebenden sollen sich 950 Menschen in dem gekenterten Schiff befunden haben. Ein Mann aus Bangladesch habe Staatsanwälten, die ihn in einem Krankenhaus befragt hätten, die Situation an Bord des Fischerboots beschrieben, sagte Staatsanwalt Giovanni Salvi der Nachrichtenagentur AP am Sonntag telefonisch aus der sizilianischen Stadt Catania. Dem Überlebenden zufolge waren Hunderte Insassen von Schmugglern in den Laderaum des Schiffs gesperrt worden.

Salvi sagte, es gebe noch keine Bestätigung für die Angaben des Mannes, demzufolge rund 200 Frauen und Dutzende Kinder unter den Passagieren waren. Die Behörden hatten zuvor erklärt, ein Überlebender der Havarie habe gesagt, dass sich 700 Menschen an Bord befunden hätten. Ob es sich um dieselbe Person handelte, war zunächst unklar.

EU-Ratspräsident Tusk erwägt die Abhaltung eines Krisengipfels der Europäischen Union zur Flüchtlingspolitik. Tusk werde mit den Staats- und Regierungschefs der EU beraten und dann eine Entscheidung treffen, sagte sein Sprecher am Sonntagabend in Brüssel. Tusk selbst teilte über den Kurzbotschaftendienst Twitter mit, er habe nach der jüngsten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer bereits mit dem maltesischen Regierungschef Muscat gesprochen. Nun folgten weitere Gespräche mit den EU-Kollegen. Zuvor hatte bereits Italiens Regierungschef Renzi die Einberufung eines Krisengipfels gefordert.

„Eine der größten Tragödien, die jemals im Mittelmeer geschehen ist“, sagte Carlotta Sami, Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR, dem TV-Sender Rai. „Die Grausamkeit der Schleuser ist unglaublich, sie haben das Boot bis zum Unmöglichen gefüllt.“ Tausende Migranten fahren jede Woche von Afrika aus ab, fliehen vor Krieg, Konflikten, Verfolgung, Hunger und Verzweiflung. Immer wieder kommt es zu Unglücken, Hunderte überleben die gefährliche Überfahrt nicht.

Als die Retter am Sonntag am Unglücksort nördlich der libyschen Küste eintreffen, können sie kaum noch etwas tun. Küstenwache und Marine suchen mit Dutzenden Booten und Hubschraubern hektisch nach Überlebenden. Doch die Einsatzkräfte können nur noch Leichen bergen, 24 tote Körper haben sie bis zum Mittag aus den Fluten gefischt. Das Wasser hat 16 Grad, die meisten der Flüchtlinge konnten zudem wohl nicht schwimmen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat indes schockiert und tief betrübt über die jüngste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer reagiert. In einer Mitteilung der Vereinten Nationen beklagte Ban am Sonntag in New York, das Mittelmeer habe sich zur „tödlichsten Route“ für Asylsuchende und Flüchtlinge weltweit entwickelt. Die internationale Antwort auf dieses Problem müsse umfassend und gemeinschaftlich sein.

Die Aufgabe liege nicht nur in einer verbesserten Seerettung. Es müsse auch das Recht auf Asyl für die wachsende Zahl von Menschen garantiert werden, die vor Krieg flüchteten und sichere Zufluchtsstätten suchten.

Ban dankte der italienischen Regierung für ihre Anstrengungen und rief die internationale Gemeinschaft zur Solidarität und zum Mittragen der Lasten angesichts der Krise auf. Beim Untergang eines Flüchtlingsschiffes vor Libyen waren Hunderte von Menschen ums Leben gekommen.

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  • @Handelsblatt: Bitte bedenken Sie, dass die oft die Netiquette verletzenden Kommentare zu diesem Thema im Wesentlichen daher kommen, dass manche Bürger wirklich sehr sauer über diese gefühlte Invasion sind, aber nahezu keine Möglichkeit haben, dies zu artikulieren.
    Wahlen sind nur alle 4 Jahre und ändern wenig. Öffentliche Debatten gibt es kaum, oder sie laufen eher auf eine Art Bevormundung hinaus, weil Meinungen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen schnell für illegitim erklärt werden. Öffentliche Demonstrationen gibt es kaum, zumal linke Gruppen diese behindern würden und die Veranstalter sofort sozial gebrandmarkt würden.
    Was letzlich bleibt, ist ein bisschen Dampf ablassen im Internet, wohl in der Hoffnung, dass ab und zu ein Politiker mitliest, und seine Haltung überdenkt. Sonst kann man nur ohnmächtig zusehen, wie Millionen weiterer Menschen darauf warten, sich illegal einschleusen zu lassen. Das ist der eigentliche Grund, warum es in den Kommentarspalten manchmal so abgeht.

  • Seit JAHREN schon rudern Schwarzafrikaner mit abenteuerlichen Schlauchbooten übers Meer und ersaufen.
    Seit JAHREN verdienen sich Schlepperorganisationen (Caritas?) eine goldene Nase mit den Schwarzen!
    Seit JAHREN gehen Bürger in Lampedusa, in Italien, in Österreich, in Deutschland gegen diesen unkontrollierten Einwanderungstsunami auf die Barrikaden!

    Was passierte auf Seiten der Regierungen und der EU? - NIX, GAR NIX - NIENTE!

    Diese EU ist nicht einmal im Stande, eine einzige Aussengrenze zu kontrollieren, im Gegenteil,
    diese EU hat ja fest mitgeholfen, Libyen in ein völliges Chaos zu verwandeln, nur weil irgendeinem Amerikaner nicht gepasst hat, dass Gadaffi sein Öl nicht mehr in Dollar verscherbeln wollte.

    Die EU bereitet uns nicht nur ein Chaos nach dem anderen, sie IST das Chaos.

    Im Grunde haben wir nur eine Chance diese unfähigsten EU-Deppen, die hier der Schleppermafia Vorschub leisten wieder loszuwerden und die Sache zu bereinigen.

    RAUS aus der EU!
    RAUS aus dem "Schengenvertrag" und Grenzen zu Italien und nach Osteuropa wieder dicht machen!

  • Die Lösung des Problems kann nicht die "totale Einwanderung" nach Europa sein.
    Vor Ort müssen Lösungen gesucht und gefunden werden.
    Die Staaten in Africa und Nahost sind nur bedingt dazu in der Lage, ihren Völkern lebesgerechte
    Verhältnisse zu schaffen und zu garantieren.
    Bedeutet, die EU sollte darüfer nachdenken, ganze Länder zu anektieen, dort zu investieren und
    eine Übergangsverwaltung bis zur Stabilisierung dieser Staaten einzurichten.
    Kolonialisierung in der etwas anderen Art; anders wird das nichts und es werden noch tausende
    im Mittelmeer ertrinken.

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