Hundertprozentiger Schutz ist nicht möglich
Wettkampf der Autoknacker und Ingenieure

Autodiebe sind den Ingenieuren von Luxuswagen offenbar immer einen Schritt voraus. Die vornehmlich aus Polen stammenden Täter überbrücken die Wegfahrsperren mit einer völlig neuen Motorsteuerung. Dabei haben die findigen EDV-Tüftler ein Verfahren entwickelt, das den Wagen in den Werkstattmodus versetzt. Der Wagen springt an und lässt sich in eine verschwiegene Garage fahren, hieß es am Freitag laut Angaben der Polizei.

HB FRANKFURT. In dem idealen Jagdrevier am Frankfurter Flughafen haben polnische Autodiebe dutzende Luxus- Wagen geknackt und dabei modernste elektronische Wegfahrsperren überwunden. Ein hundertprozentiger Schutz ist nach Einschätzung der deutschen Oberklasse-Produzenten nicht möglich, der technologische Kampf zwischen den Ingenieuren der Industrie und den „Fachleuten“ der organisierten Autoschieber geht in eine neue Runde. Kaum noch zum Zuge kommen hingegen Gelegenheitsdiebe, die sich immer mehr auf ältere Mittelklasse-Modelle ohne Sperren beschränken müssen.

Völlig neue Dimension des Autodiebstahls

Die von der Frankfurter Kripo aufgedeckte Diebstahlserie mit gut 130 Mercedes-S-Klasse-, Audi-A-8- und BMW-X5-Fahrzeugen zeigt die „völlig neue Dimension des Autodiebstahls“, von der zum Beispiel BMW- Mann Alfred Broede spricht. „Die bauen im Prinzip das Auto komplett um.“ Die eingebaute Wegfahrsperre wird laut Polizei mit einer völlig neuen Motorsteuerung überbrückt. Die von hoch qualifizierten EDV- Fachleuten mit zusätzlichen Schaltkreisen versehene Einheit startet den so genannten Werkstattmodus, der Wagen springt an und wird in eine verschwiegene Garage gefahren.

Zwei dieser „Frisier-Werkstätten“ hat die Polizei im Berliner Umland ausgehoben und insgesamt zehn Mitglieder der Bande ermittelt. Zwei von ihnen, ein 28-jähriger Pole und ein 27 Jahre alter Deutscher polnischer Abstammung gelten als Experten für die schnellen Diebstähle, die trotz der umfangreichen Sicherungen am Flughafen manchmal nur zehn Minuten gedauert haben. Zwei weitere Mittäter sind so genannte „Meister“, die den gestohlenen Fahrzeugen neben neuen Fahrgestell- und Zulassungsnummern auch eine neue Sicherheitseinheit aus Motorsteuerung, Zündschloss und weiteren Teilen einbauen.

Weiterentwicklung der Wegfahrsperre ist Programm

Die Teile stammen nach Erkenntnissen der Hersteller meist aus Unfallwagen, aber nicht aus Lagern der eigenen Firma oder der Zulieferer. Bei Mercedes-Benz etwa seien rund 3 000 sicherheitsrelevante Bauteile nur über die Stuttgarter Zentrale bei genauer Registrierung zu erhalten, versichert Sprecher Gerd Esser. „Diese Schiene ist absolut sicher.“ Die technische Weiterentwicklung der Wegfahrsperren steht bei allen Herstellern auf dem Programm. Das Problem sind die Schnittstellen, ohne die elektronische Bauteile nicht funktionieren und auch nicht gewartet werden könnten. Bislang, so die Polizei, seien die Stecker etwa der Motorsteuerung nur unzureichend gesichert. Die Hersteller sehen sich wegen der Wartungsprobleme in einem Zielkonflikt zwischen Sicherheit und Kundendienstanforderungen.

Audi setzt dennoch auf zusätzliche mechanische Hindernisse gegen die fixen Diebe. „Die kalkulieren wie ein ehrlicher Kaufmann“, sagt Sprecher Rudolf Schiller. Wenn Aufwand und Risiko nicht mehr in einem vernünftigen Verhältnis zum Ertrag stünden, würden die Verbrecher aufgeben, so die bislang nicht bestätigte Hoffnung.

Große Nachfrage in Osteuropa verspricht fette Renditen

Derzeit sorgt die unverminderte Nachfrage vor allem in Osteuropa weiter für fette Renditen der Diebe und steigende Versicherungsprämien bei den Geschädigten. Neben dem Frankfurter Verfahren läuft eine ähnlich umfangreiche Ermittlung gegen eine andere Gruppe, die in Berlin und Hannover aktiv war. Die gestohlenen Fahrzeuge erzielten im „Nirwana des Ostens“ die gleichen Preise wie legale Neuwagen, auf die man aber lange warten müsste, sagt der Frankfurter Kripo-Inspektionsleiter Karl-Heinz Becker. Zudem müssen die Kunden nicht befürchten, ihr gutes Stück an den früheren Besitzer wieder zu verlieren, denn in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion kann der Käufer auch Eigentum an gestohlenen Sachen erwerben - vorausgesetzt, er hat den Wagen in gutem Glauben angenommen.

Die weniger technisch beschlagenen Diebe konzentrierten sich derweil auf ältere Kompakt- und Kleinwagen, berichtet der Frankfurter Kommissariatsleiter Hubertus Harras. Jugendliche und Kleinkriminelle im Rhein-Main-Gebiet knacken nur noch alte Opel, VWs oder Fiats, um damit zur nächsten Disco zu kurven. Ein weiterer Trend seien Einbrüche und Raubüberfälle auf offener Straße, um an die Schlüssel der teuren Wagen zu kommen. Das so genannte Car- oder Home-Jacking sei in Deutschland auf dem Vormarsch.

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