Hurrikane
Jahrzehnte des Donners

Der Wirbelsturm „Dean“ wütet in der Karibik und nimmt Kurs auf Mexiko – in der Region beginnt die Hurrikan-Saison. Experten schätzen, dass in diesem Sommer bis zu neun weitere große Stürme folgen werden, die Versicherer rechnen mit Schäden in Milliardenhöhe. Das Problem ist dabei auch vom Menschen verursacht.

DÜSSELDORF. Entspannung ist nicht in Sicht – jedenfalls nicht in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren. Sieben bis zehn schwere Wirbelstürme erwartet die amerikanische Wetter- und Ozeanographiebehörde NOAA in den kommenden Monaten – doppelt so viele wie im Zehnjahresdurchschnitt. Und Wetterexperten sowie Versicherungskonzerne stimmen überein: Auch die Schäden werden zunehmen – und zwar auf ganz lange Sicht.

„Es kommen mehrere Faktoren zusammen“, erklärt Peter Höppe, der Leiter der Geo-Risikoforschung bei der Münchener Rück. „Zum einen befinden wir uns ohnehin gerade in einer Warmphase, was die Meeresoberflächentemperatur betrifft. Zum anderen gibt es den Klimawandel.“

Wirbelstürme entstehen leichter, je wärmer das Wasser ist. Der Atlantik durchläuft lange Zyklen – von 1926 bis 1970 gab es eine Warmphase mit durchschnittlich 2,6 schweren Wirbelstürmen der Kategorie 3 bis 5 pro Jahr, von 1971 bis 1994 eine Kaltphase mit 1,5 schweren Stürmen. In der aktuellen Warmphase seit 1995 gibt es durchschnittlich schon 3,9 schwere Stürme pro Jahr.

Wissenschaftler erklären die außerordentliche Steigerung mit einer zusätzlichen, künstlichen Erwärmung der Weltmeere. Der natürliche Temperaturunterschied zwischen einer Warm- und einer Kaltphase liegt nur bei 0,5 Grad. Studien zeigen aber, dass die Wassertemperatur in den vergangenen 30 Jahren global zusätzlich um 0,5 Grad angestiegen ist.

„Wirbelstürme können ab einer Oberflächentemperatur von 26,5 bis 27 Grad entstehen“, sagt Höppe. „Auch kleine Temperaturerhöhungen können also große Folgen haben. Wir rechnen damit, dass in den nächsten 30 Jahren durch den Klimawandel zusätzlich 0,5 Grad hinzukommen.“

Für die Münchener Rück, nach der Swiss Re die zweitgrößte Rückversicherung der Welt, sind diese Zahlen Grundlage des Geschäfts. „Es reicht nicht mehr, einfach aus den historischen Schäden ein Mittel zu bilden“, sagt Höppe. „Wir haben diese Erkenntnisse in unseren Risikomodellen berücksichtigt.“

Soll heißen: Die Versicherungsprämien steigen. Die Einschätzungen nämlich, welche Schäden überhaupt möglich sind, änderten sich im Jahr 2005 fundamental. Allein der Wirbelsturm „Katrina“, der weite Teile von New Orleans unter Wasser setzte, schlug bei den Versicherern mit 45 Mrd. Dollar zu Buche. Dann folgte „Wilma“ – am Ende des Jahres blieben Schäden von 180 Mrd. Dollar.

Dabei zeigte „Katrina“, dass alle Simulationsmodelle versagten. Die Versicherer bezogen ihre Risikodaten von Modellagenturen, die verschiedene Schadensszenarien durchspielen. Das nutzten die Versicherer für ihre Preiskalkulation. Das Problem war allerdings: Alle Modelle stellten bis dahin nur auf Sturmrisiken ab und ließen die nachkommenden Fluten unberücksichtigt.

Die führenden Modellagenturen wie AIR Worldwide haben seitdem ihre Hurrikan-Szenarien angepasst. Die Folge waren drastische Preissteigerungen für Naturkatastrophen-Deckungen. Nach einem sehr ruhigen Hurrikan-Jahr 2006 verharren die Preise derzeit auf hohem Niveau, sind aber wegen der guten Gewinne der Versicherer unter Druck.

Ein Hurrikan in der Größenordnung des gerade aktiven „Dean“ vermag diesen Trend nicht umzukehren. Erste Schätzungen des auf Naturgefahren spezialisierten US-Analysehauses Eqecat gehen von versicherten Schäden zwischen 1,5 und drei Mrd. Dollar aus. Zum Vergleich, der internationale Markt für Rückversicherungen wird auf rund 165 Mrd. Dollar Beitragseinnahmen veranschlagt. Dabei sind enorme Rückstellungspolster für Schäden noch gar nicht berücksichtigt.

Trotzdem sind Experten nervös. Joe Gordon ist der Sicherheitschef der US-Behörde MMS. Sie bewertet die Risiken für die Ölproduktion im Golf von Mexiko. „Die Stärke der neuen Stürme ist größer, als wir uns vorgestellt haben. Die Wellen sind höher, die Winde sind stärker“, sagte Gordon vor wenigen Tagen auf einer Tagung. „Wir sind gerade erst dabei, zu lernen, was die Plattformen da draußen in Zukunft auszuhalten haben. Wir müssen alles dafür tun, uns auf dieses Maximum einzustellen.“

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