Im „103“ in Berlin-Mitte geht es um Coolness
Essen nach Zahlen

Es gab eine Zeit, da nannten sich Gaststätten „Zum Hugenotten“ oder „Wilder Eber“ – und signalisierten damit, dass sie der deftigen Küche zugetan waren. Nomen ist eben omen.

Doch wofür steht das „44“? So heißt Berlins neues Edelrestaurant im Swissotel am Kurfürstendamm. Es liegt in der Augsburger Straße 44. „Das ist aber nur ein günstiger Zufall“, sagt Chefkoch Tim Raue. „Wir haben einen Namen gesucht, der modern ist, Dynamik ausstrahlt und womit man nichts Konkretes verbindet.“ Wer hier isst, kann seine Jakobsmuscheln in Eukalyptusessig ebenso entspannt genießen wie eine gebratene Gänsestopfleber.

Ins „103“ in Berlin-Mitte hingegen kommt kaum jemand wegen der Küche. Die ist zwar ganz in Ordnung, doch geht es dort hauptsächlich um Coolness. Das Publikum tanzte zumeist schon im einstmals geheimen Club in der Friedrichstraße 103, pilgerte dann in die Monbijoustraße zum Club 103 und tummelt sich nun ganz legal im angesagten Eckcafé mit den hellen Lederbänken. Wie Stammgast und Designer Alexander Lamazares: „Die Nummer ist wie ein Code, wer sie kennt, gehört dazu.“ Die Zahl als Marke. Gab es Nummern bisher nur als Bestellhilfe auf der Karte von Gastronomen, die ihren Gästen keine Menü-Namen ausländischer Provenienz zutrauten, so stehen Ziffern über dem Eingang jetzt für spannendes Ambiente und moderne Küche. „Es ist viel schwerer, einen Namen zu finden, der hipp und einprägsam zugleich ist“, meint Restaurantprofi Celal Kurum und hat sein Lokal im Prenzlauer Berg „Drei“ genannt. „Die Drei bezeichnet das Nebeneinander von Bar, Lounge und Restaurant, alles liegt an der dritten Ecke des Helmholzplatzes, es ist mein drittes Restaurant – und klingt sexy.“

Kurum geht mit der Drei ins Detail: Die Karte bietet je drei Gerichte zu einem Thema. Gekocht wird alles von Gnocchi mit Chili über Satayspießchen bis zu Butterkekssandwich mit Schokoeiscreme. Und hinterher gibt es in der Lounge eine Honduras San Martin Zigarre Nr. 3. Wem der Sinn nach Mittelmeerküche steht, der kann die Numerologie auf Italienisch deklinieren, im „Trenta Sei“ am Gendarmenmarkt. Der Name wurde vom Umfeld inspiriert: Gegenüber sind die schicken Quartiers 205 und 206, nebenan lädt die Bar „925“ an den mit 925er Sterlingsilber belegten Tresen.

Beim „24/7“ ist der Name Programm: Es hat 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche geöffnet. Seit zwei Monaten frequentieren vor allem hungrige Nachtschwärmer den Laden, in dem es ausschließlich Pizza gibt. Fantomas, Don Schumi oder Tango kommen aus dem Holzofen, und der Fladenbäcker sieht aus wie ein DJ. Webdesignerin Judi Taller startet dort ihre Clubabende: „Einen Namen vergisst man leicht, eine Nummer prägt sich ein.“ Schwer kultverdächtig, trotz kitschiger Wandbemalung. Die Spät-Nummer könnte das „52“ in Kreuzberg sein oder die Bar „1234“ bei Universal.

Berlin steht mit der Entdeckung der Ziffern nicht allein. In Frankfurt währt die Nummernrevue sogar schon etwas länger. Sei es nun das „Café-Bistro 35“, die „Café-Bar fünf“ oder das „Chalet 18“. Pate steht die Hausnummer. Zu den Dauerbrennern gehört das „13“ in Offenbach. Die Hüssein-Brüder nehmen sie als ein gutes Omen: „Wir haben an einem 13. August eröffnet, meine beiden Brüder sind an einem 13. geboren, und es ist unsere Hausnummer.“ Auf der Speisekarte steht denn auch ein Salat mit 13 Zutaten.

Alt eingesessen ist die „16“ in Frankfurt-Bornheim. Seit 1977 versorgt die Familie Dessi ihre Klientel mit sardischer Küche: Pasta, Lamm, Milchziege, Hase, Geflügel, Spanferkel, Meeresfrüchte und Tiramisu – wonach man einen mindestens 60-prozentigen Schnaps braucht. „Den Namen haben wir einfach von unserem vorigen Restaurant mitgenommen, das die Hausnummer 16 trug“, sagt Patrone Vincenzo Dessi.

Auch im hohen Norden regiert die Hausnummer. Praktisch, gerade wenn die Straßen lang sind. Das „162“ in Hamburg-Rotherbaum macht das einkaufshallenartige Ambiente mit Fischgerichten wett. Und im „599“ trifft sich ein unprätentiöses Publikum zwischen 20 und 50 Jahren zum Cocktail am Bar-Tresen.

In München sind trendige Ziffern seltener. Es gibt zwar den dauer-angesagten Club P1. Doch eine echte Rolle spielen Zahlen nur beim edel-puristisch gestylten „ess neun“. Restaurantchef Christof Forelle: „Bei uns kann man sich ein Drei-, Sechs- oder Neun-Gang-Menü selbst zusammenstellen.“ Etwa Brennnessel-Scholle mit Birnen-Risotto, Bananen-Split mit Lamm, Absinth-Eis.

Und so ist eines klar: Mögen auch Zahlen über der Eingangstür stehen, in den meisten angesagten Nummern-Restaurants gibt es eines nicht: 08/15.

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