Im Halbschlaf gescheitert Die Sinnlosigkeit nächtlicher Verhandlungen

Die Teilnehmer der Jamaika-Sondierungen haben sich die Nächte um die Ohren geschlagen – letztlich vergeblich. Für Schlafforscher ist das nicht verwunderlich. Denn Schlafmangel ist bei Verhandlungen ein echtes Problem.
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Von Schlafentzug sprechen die Forscher bereits dann, wenn ein Mensch über den Zeitpunkt hinaus wach ist, zu dem er normalerweise ins Bett geht. Quelle: dpa
Nächtliche Sondierungsgespräche

Von Schlafentzug sprechen die Forscher bereits dann, wenn ein Mensch über den Zeitpunkt hinaus wach ist, zu dem er normalerweise ins Bett geht.

(Foto: dpa)

BerlinEs gibt viele Dinge, die man im Halbschlaf machen kann: Eine Serie schauen, Chips knabbern, seiner Katze den Nacken kraulen. Das Schmieden einer neuen Regierungskoalition gehört nicht unbedingt dazu – würde man meinen. Doch die Spitzen von CDU, CSU, FDP und Grünen haben genau das versucht. In nächtlichen Verhandlungsmarathons bis vier Uhr früh suchten sie nach Möglichkeiten einer Zusammenarbeit. Übermüdet und mit tiefen Augenringen wollten sie Verantwortung für 82 Millionen Menschen übernehmen. Auf manchen Konferenzen gibt es erst nach nächtlichem Ringen eine Einigung. Diesmal ging der Versuch schief: Am späten Sonntagabend ließ die FDP die Gespräche platzen.

Über diesen Verlauf der Verhandlungen ist eine bestimmte Gruppe von Wissenschaftlern nur wenig überrascht. Schlafforscher warnen schon lange davor, wichtige Beratungen bis in die frühen Morgenstunden zu dehnen und übermüdet zu diskutieren. Jürgen Zulley, ehemaliger Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Universität Regensburg, sagt: „Die Nacht ist kein Zeitpunkt für sachliche Entscheidungen. Wer nicht genug schläft, kann Probleme schlechter lösen. Emotionen spielen dann eine größere Rolle.“

Auch sein Kollege Steffen Gais von der Universität Tübingen erkennt ein Muster, das sich wissenschaftlich bestätigen lässt. „Jetzt ist genau das eingetroffen, was die Schlafforschung vorhersagt. Die Teilnehmer der Sondierungsgespräche sind voll auf Risiko gegangen, sie haben sich dabei immer weniger vertraut und die Stimmung ist eingebrochen“, erklärt Gais. Schlafentzug führe nicht nur zu Konzentrationsmangel und gesteigerter Risikobereitschaft, sondern auch zu Argwohn und Streitlust.

Von Schlafentzug sprechen die Forscher bereits dann, wenn ein Mensch über den Zeitpunkt hinaus wach ist, zu dem er normalerweise ins Bett geht. „Wir haben einen biologischen Rhythmus, der konstant weiterläuft. Da hilft auch kein Vorschlafen“, erklärt Zulley. Zwar gebe es Menschen, die ihre Aktivität erst in den späten Abendstunden entfalteten – in der Chronobiologie als „Eulen“ bezeichnet. Doch tief in der Nacht seien auch sie überfordert: „Um etwa drei Uhr früh kommen alle Menschen in ein Leistungs- und Stimmungstief. Deshalb passieren die meisten Arbeitsfehler in Nachtschichten.“

Eine Studie zum Schlafentzug als Zankapfel
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