In 6,6 Sekunden von null auf hundert
Golfen mit Gasfuß

Bernd M. Michael, Chef der Werbeagentur Grey, ist begeisterter Golfer mit Handicap 24. Und deshalb bat ihn das Weekend Journal, den stärksten Golf aller Zeiten zu testen: den R32. Aber hat jemand etwas von Z3-Jagen gesagt?

Bernd M. Michael jagt einen BMW Z3. Er klebt ganz dicht hinter ihm, doch die Dame hinterm Steuer des Sportwagens sieht es nicht ein, so etwas Ordinärem wie einem Golf Platz zu machen. Was sie nicht weiß: Hinter ihr drängelt kein gewöhnlicher Volkswagen, sondern ein R32. Der sieht ganz normal aus, abgesehen vom vergrößerten Lüftungsgitter und den 18-Zoll-Rädern. Wie sehr Äußerlichkeiten täuschen können. Michael lässt den Motor, sein Schwester-Aggregat treibt das Luxus-Modell Phaeton, mit seinen 240 PS aufheulen, erschreckt gibt Z3-Lady die Bahn frei – ihr Roadster verschwindet im Rückspiegel. „Dieser Blick!“ freut sich Michaels Sohn Martin auf der Rückbank.

Bernd M. Michael, Chef der zweitgrößten deutschen Werbeagentur Grey, hat den 20-jährigen Filius auf die Probefahrt mitgebracht. Die beiden sind ein PS-verliebtes Gespann, das regelmäßig Autos testet, etwa den Volvo-Offroader XC 90 oder den Porsche Cayenne, erzählt Michael senior: „Wir betreuten bei Grey so viele Automarken. Da will man einfach wissen, was der Kunde so macht.“ Der Junior, sonst im silbernen, von Abt getunten Skoda Oktavia unterwegs, ist mit Digitalkamera angerückt. Er will den Renngolf vor der Ausfahrt ablichten: „Beim Autosalon bin ich nicht nah genug herangekommen, so umlagert war der“, erzählt der Geschwindigkeitsfan.

Ideale Tester, die beiden, für den stärksten Golf aller Zeiten. Mit V6-Motor, Allradantrieb und Sportgetriebe ist er ein unscheinbarer Kleinwagen, der in 6,6 Sekunden von null auf hundert beschleunigt. Den Phaeton-Motor mussten die Wolfsburger Ingenieure quer einbauen, damit er ins kleine Golf-Chassis passt. „Da ist jeder Zentimeter Platz ausgenutzt“, belehrt der kundige Martin seinen Vater vor der Abfahrt in Düsseldorf.

Überhaupt verlässt sich Michael in Autodingen auf den Rat des Sprösslings: Kürzlich hat der Vater sich einen Mini Cooper S zugelegt, „weil ich am Wochenende nicht so ein dickes Auto fahren will“. Unter der Woche lässt er sich vom Chauffeur im 7er-BMW kutschieren. „Ich habe meinem Sohn gesagt: Martin, du tunst den Mini jetzt noch ein bisschen auf.“ Also ließ Martin Navigation, Heckspoiler und Spezialfelgen einbauen – der Tacho sitzt jetzt hinterm Lenkrad statt Mini-typisch in der Mitte des Armaturenbretts.

Heute lässt Bernd Michael den gelben Mini aber stehen, mit dem er sonst am Wochenende zum nahe gelegenen Golfpark Meerbusch fährt. Heute wird nicht Golf gespielt, sondern gefahren. Sohn Martin klemmt sich hinten auf die König-Sportsitze, und Papa dreht auf. Sein Fahrstil sei „moderat“, meint Bernd Michael. Doch nachdem er mit dröhnendem Motor einen Autokonvoi auf der Landstraße genommen hat, fügt er hinzu: „Na ja. Für bayerisch-italienische Verhältnisse.“ Wie viele gebürtige Münchener fühlt auch Michael sich als halber Südländer.

Er dreht sich zu seinem Sohn um: „Martin, wo fahren wir hin?“ – „Auf die A44 Richtung Mönchengladbach. Das ist ’ne schöne freie Piste.“ Und auf der testet Michael den Golf auf Herz und Nieren: Kurvenverhalten bei der Autobahnauffahrt, eine kleine Vollbremsung, Stehenbleiben, Bleifuß, nach wenigen Sekunden Tempo 120. Die Insassen presst es in die Sitze: „Das hat Sportwagenqualität“, lobt der Grey-Chef.

Das Flitzer-Feeling wird durch die Federung verstärkt: Dämpfer und Federn stammen aus dem Motorsport, das Fahrwerk wurde im Vergleich zur Serie um 20 Millimeter tiefer gelegt. Da hoppelt und tanzt der Golf auf jedem niederrheinischen Sandkorn. „Man spürt jedes Mauseloch. Toll!“ freut sich derAgenturchef. Jetzt will er schauen, wie die Motorbremse funktioniert, und schaltet runter: „Gut! Es gibt doch nichts Schöneres beim Schaltauto, als mit dem Motor zu bremsen. Das ist das Einzige, was mich an meinem Siebener stört: dass der keine Handschaltung hat.“ Auch bei niedriger Drehzahl kann Michael dem Wolf im Golf-Pelz noch eine gewaltige Beschleunigung entlocken: „Wirklich unheimlich elastisch. Und schau mal, Martin: Er geht im 2. Gang bis 95. Das ist schon irre.“

Für den Werber, der als Lobbyist auch in Brüssel für die Kommunikationsbranche kämpft, sind solche Kraftreserven nicht nur Privatvergnügen, sondern ein Sicherheitsthema: „Beim BMW 22 haben wir damals in der Werbung gesagt: Der fährt jedem Unfall aus dem Weg. Das ist hier auch so.“

Eigentlich scheint Bernd Michael der Mann für starke, schnelle Autos zu sein, doch der Agenturchef winkt ab: „Ich bin Dienstleister. Da kann ich nicht im Porsche vorfahren.“ Also kreuzte er stets in bayerischen Limousinen durch die Republik. Nur einmal, in den 70er-Jahren, besaß er einen leuchtend orangen Porsche 911. Natürlich, beeilt er sich nachzuschieben, hatte er den ausgedienten Testwagen vom PR-Chef der Firma etwas günstiger bekommen. „Das Schöne war, dass bei der grellen Farbe jeder gleich Platz gemacht hat. Heute ginge das nicht mehr – zu peinlich.“

Aber Porsche hat für den Reklamemanager immer noch „einfach etwas Beeindruckendes“. Vor allem der typische Sound der Schwaben: „Da kriegt man so ein komisches Gefühl.“ Der Golf R32 ist klanglich ebenfalls nicht von schlechten Eltern: „Da haben ja auch zig Akustiker dran gesessen“, weiß Sohn Martin. Zum Abschluss gibt Bernd Michael noch mal Gas: „Ab 220 muss man ihn schon gut halten“, bemerkt er. „Ganz anders als mein Siebener: Der rührt sich überhaupt nicht.“

Zurück in der Landeshauptstadt das Fazit: „In der Summe: Prima!“ Fast scheint die Haube noch zu vibrieren, als der Imagemacher den rasenden Volkswagen abstellt. Bernd und Martin Michael gehen ein letztes Mal um den Wagen herum. „Schön, dass er nach nichts aussieht“, sagt der Vater. „So kann man sich täuschen“, sagt der Sohn.

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