In der Frankfurter Schirn testete die Ausstellung „Auf eigene Gefahr“ die Risikobereitschaft des Publikums
Champagner statt Lachgas

Alles ist weniger gefährlich, als der Titel zunächst vermuten lässt. In der Frankfurter Ausstellung „Auf eigene Gefahr“ gibt es keine Bungeezonen. Installationen von elf Künstlern und Künstlergruppen spielen mit der Risikobereitschaft des Betrachters, ohne ihn je ernstlich zu gefährden. Sie wollen Rezeptionsbarrieren einreißen, den Kunstkonsumenten zum Benutzer und Mitwirkenden machen.

Diese Kunstrichtung, die sich Mitte der neunziger Jahre herausgebildet hat, wird von den Ausstellungskuratoren Martina Weinhart und Markus Heinzelmann als Ausdruck gesellschaftlicher Wirklichkeit gewertet, in der wachsende Liberalisierung auf permanenten Regulierungsdruck trifft. In diesem Spannungsfeld muss der Einzelne seine Risikobereitschaft testen und mehr oder minder unabhängige Entscheidungen treffen.

Für den Besucher der Frankfurter Schirn heißt das, dass er sich den interaktiven Angeboten der Werke nicht verschließt. Er soll zum Beispiel auf eine der zwei Rollfeldtreppen steigen, mit denen die brasilianische Konzeptkünstlerin Ana Maria Tavares einen am Boden liegenden Spiegel begrenzt. Wenn er auf der oberen Plattform steht und sich nach vorn neigt, um sein Spiegelbild zu betrachten, stellt sich ein Gefühl kontrollierter Höhenangst ein.

Doch das ist schon das einzige „gefährliche“ Objekt der Ausstellung. Gegenüber veranschaulicht der Placebopillentank von Carsten Höller die Drogensucht auf spielerische Weise: weiße Tabletten werden von drei Ventilatoren in die Luft gewirbelt. Daneben offeriert Camilla Dahls „Champagne Bar“ aus weiß gelacktem Styropor dem trinkfreudigen Besucher das teure Nass aus drei Schnullerschläuchen (allerdings nur am Wochenende zwischen 15 und 17 Uhr) - ein süffiges Monument der Spaßgesellschaft.

Etwas hintergründiger ist da schon der „Gasgolf“ des Dänen Henrk Plenge Jakobsen. Auf dem Gepäckträger eines Pkw sind drei Lachgasflaschen montiert, aus denen sich Fahrer und Mitfahrer bei Bedarf bedienen können. Obwohl das Gas ungefährlich ist, haben die Behörden die Inbetriebnahme dieser Installation verboten. So steht sie nun als leere Hülle vor einer Wand aus farbigen Plexischeiben, die mit ironischer Distanz einen Satz aus dem Kommunistischen Manifest zitieren: „All that is solid melts into air.“

In eine virtuelle Welt der Achterbahn, die uns in schneller Fahrt in Schwindel versetzt, führt uns das Animationsvideo „Fun House“ des Norwegers Sven Pahlsson. Doch die Künstlichkeit der Perspektive und der Bildausschnitte verhindert, dass wir ganz in den Strudel hineingezogen werden.

Ein minuziös inszeniertes Chaos findet der Besucher in der Raumfolge von Christoph Büchel vor. Es ist eine Spießerwohnung, die von Nippes und Gebrauchsgut überquillt. Decken sind durchbrochen, durch das Fenster hat sich ein Schlammberg ins Wohnzimmer gewälzt. Eine solch enge, überfüllte Behausung setzt klaustrophobische Urängste frei. Verlust von Geborgenheit, Zerstörung einer Scheinidylle, Trash statt Tradition: In dieser Raumflucht wirken irrationale Kräfte, die uns das Draußen als bessere Welt erscheinen lassen.

Andere Beiträge sind weniger abgründig. Der Nebelraum der Britin Ann Veronica Janssens, in dem die Bewegung des Besuchers zur einzigen Kraftquelle wird, bringt uns kaum mehr Erkenntnisse über die Steigerung unserer Sensibilität in Licht und Raum als jener Nebelraum, den der Maler Gotthard Graubner bereits vor 26 Jahren vor der Düsseldorfer Kunsthalle aufgestellt hatte.

Die begehbare Wasserwand von Jeppe Hein im Innenhof der Schirn lässt den Besucher im Trockenen stehen. Wer vom ersten Stockwerk auf diesen Springbrunnen schaut, sieht sofort, dass man ihn ohne nass zu werden betreten und verlassen kann. Von Gefahr keine Spur. Spätestens hier zeigt die Ausstellung, dass es nicht nur um Risikofreude oder Risikoverzicht geht. Es geht auch darum, ob der Besucher sich motivieren lässt mitzuspielen. Denn auch wenn er das Angebot nicht aktiv nutzt, bleibt er doch Teil eines differenzierten Denkprozesses.

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