In der Passage einen Latte Machiato
Shopping in Teheran: Haute Couture ohne weibliche Schaufensterpuppen

In Teheran gibt es den Basar, der, so sagen die Einheimischen, „der größte der Welt“ ist. Und es gibt die „Passage“. Die Einkaufszentren sind in den letzten 10 Jahren vor allem im wohlhabenderen Norden von Teheran an vielen Ecken aus dem Boden geschossen. In den sauber und kühl gehaltenen Hallen finden sich vor allem kleine Boutiquen mit Marken von GAP bis Armani, der neueste Chic aus Europa und den USA für sie und ihn. In der Dekoration fehlen lediglich die weiblichen Schaufensterpuppen. Die Minis hängen einfach auf einem Bügel.

In der Passage einen Latte Machiato

Die „Passage“ ist der Treffpunkt für junge Leute. An einem lauen Abend sitzen sie auf dem Vorplatz, flanieren vor den Shops, rufen sich gegenseitig über Handy an. Manche Pärchen gehen mutig nebeneinander bummeln, ein Wagnis bei den strengen islamischen Gesetzen. Die anderen sitzen sich auf Bänken gegenüber und rufen sich gegenseitig Telefonnummern und Namen zu. Mit der „Passage“ sind die Cafes und damit neue „junge“ Getränken gekommen: Espresso, Cappucino, Latte Machiato. Die Lokale sind winzig klein, kaum zehn Personen passen um die kleinen Tische. Manche sind immer voll, weil sie „in“ sind. Im gemütlichen Schummer können Pärchen ein paar ungestörte Momente haben.

Kleine Freiheiten für die Jugendlichen

All das ist noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen. Obwohl die Männer vom „Comittee“, der Sittenpolizei die Besitzer hin und wieder anmahnen, die Beleuchtung nicht so stark zu dimmen, gehören die Cafes zu den kleinen Freiheiten, die sich junge Iraner inzwischen erobern konnten. Doch: den meisten ist das natürlich nicht genug. Der Iran zählt zu den „jüngsten“ Ländern der Welt: rund 65 % der Bevölkerung ist zwischen 15 und 35 Jahre alt.

Doch vor allem die Generation, die nach der Revolution geboren wurde, will das Land verlassen. „Von zehn meiner Freunde, sind sieben ins Ausland gegangen“, sagt Leila, eine junge Grafikerin, die sich mit einigen andern Twens in ein Cafe in der Passage Golestan zwängt.

Wenig Jobs in der Privatwirtschaft

Im Hintergrund dudelt leise George Michael. Leila hat auch schon darüber nachgedacht, die Koffer zu packen. Die Aussichten für junge Leute sind schlecht: Die iranische Privatwirtschaft gibt einfach nicht genug Jobs her. Auf den engen Arbeitsmarkt trifft nun eine große Zahl Akademiker, heute studieren im Iran wesentlich mehr junge Leute als vor der Revolution – die Hälfte sind Frauen. „Wenn ich aber höre, wie es meinen Freunden in Ausland geht, bleibe ich lieber hier“, sagt sie. Leila hat auch Glück gehabt, sie hat eine feste Arbeit bei einem privaten Unternehmen und muss sich nicht wie viele andere mit Nebenjobs rumschlagen.

Cruisen in der Innenstadt - Down with USA

Draußen vor der Passage, beginnt derweil das Cruisen. Junge Männer und Frauen fahren auf dem breiten Boulevard mit Tempo 10, runtergekurbelten Fenstern nebeneinander her, drei, vier Autos neben einander. Dabei rumpeln sie über die extrem hohen „schlafenden Polizisten“, die die Stadtverwaltung vor ein paar Jahren als verkehrsberuhigende Maßnahme gebaut hat. Davor war die Straße keine Cruise- sondern eine gefeierte Rennstrecke unter den Jugendlichen, mit vielen Verletzten und Toten. Die „Bumbs“ hat die Verwaltung quer über die Straße mit Schriftzügen in Farsi und Englisch versehen: „Down with USA“. Die Schriftzüge verblassen.

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