In eigener Sache
Des Schweigers Schweigen

Til Schweiger möchte die Berichterstattung im Fall des Anschlags auf sein Haus gerne eindämmen. Das ist menschlich verständlich – aber mit der Pressefreiheit letztlich unvereinbar. Erklärung zu einer komplexen Situation.
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DüsseldorfTil Schweiger ist eine Person des Öffentlichen Lebens – ohne jeden Zweifel. Er ist einer von Deutschlands erfolgreichsten Schauspielern, zudem Regisseur und seit neuestem auch Tatort-Kommissar, also Teil des kulturellen Erbguts. Schweigers Ex-Frau Dana ist Moderatorin und im deutschen Fernsehen durch mehrere Werbespots bekannt. Schweigers aktuelle Lebensgefährtin Svenja Holtmann ist Model und spielte bereits in zwei seiner Filme mit. Alle vier gemeinsamen Kinder von Til und Dana Schweiger sind Schauspieler, spielten in mindesten drei Streifen zusammen mit ihrem Vater. Sie haben Fans, sie sind vielleicht Vorbild, sie hängen als Poster an der Wand, werden verehrt – und offenbar auch gehasst.

Der Radiosender NDR 90,3 berichtete am Montag als erster von einem möglichen Anschlag auf das Privathaus Til Schweigers. Von einer Farbbeutelattacke war die Rede, zudem sei das Fahrzeug Holtmanns in Flammen aufgegangen. Zu Schaden gekommen sei niemand, die Schweigers seien nicht daheim gewesen. Von Seiten der Familie wurde dies nicht kommentiert.

Die Berichterstattung nahm Fahrt auf. Bild und Express Online griffen die Geschichte auf und machten damit auf, auch Handelsblatt Online meldete zunächst die mutmaßliche Attacke auf den Privatbesitz eines der prominentesten Deutschen. Der Nachrichtenagentur dpa ging dann jedoch nach eigener Aussage ein anwaltliches Schreiben zu, mit der Bitte, von einer Berichterstattung abzusehen. Den Redaktionen wurde mitgeteilt, weitere Meldungen zum Thema auf eigene Gefahr hin zu veröffentlichen. Die dpa stellte die Berichterstattung komplett ein, auch andere Agenturen schweigen mittlerweile.

Auch der Boulevard ruhte für einige Stunden. Am Dienstag jedoch hatten sowohl Bild als auch Express die Geschichte wieder groß – mit eigenen Informationen. Die Kinder Luna und Valentin seien zum Zeitpunkt allein im Haus gewesen. Der Hamburger Morgenpost, wie der Express aus dem Verlagshaus M. DuMont Schauberg, liegt nach eigenen Angaben ein Bekennerschreiben vor. Demnach wäre der Hintergrund des Anschlags Schweigers Darstellung des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan in dessen Film „Schutzengel“. Name der Gruppierung: „Tatortreiniger_innen“, sowohl eine Anspielung auf das Krimi-Format ARD als auch auf die satirische Krimireihe gleichen Namens.

In der Mediendarstellung zeichnet sich nun ein absurdes Bild. Während auf Plattformen wie Zeit Online oder Spiegel Online Schweigers Wunsch respektiert wird, wird an anderer Stelle mehr oder minder munter spekuliert. Was letztlich darunter leidet, ist die journalistische Arbeit. Denn so gut verständlich ist, dass Til Schweiger seine Familie schützen möchte, so sehr ist es öffentliches Interesse, dass über den Fall berichtet wird. Spätestens, wenn sich das Bekennerschreiben als authentisch herausstellt und die Existenz einer Gruppierung bekannt wird, die offensichtliche Aggressionen gegen die Bundeswehr hegt – und vor öffentlichkeitswirksamen Anschlägen nicht zurückschreckt.

In den Sozialen Netzwerken, gerade auf der Facebook-Seite Schweigers, wird das Thema nicht wirklich diskutiert, allerdings finden sich zahlreiche Sympathiebekundungen für den Schauspieler. Dass Schweiger im vorliegenden Fall nicht den gewünschten Effekt erzielen kann, ist nicht verwunderlich. Das Phänomen wird gemeinhin als „Streisand-Effekt“ bezeichnet: Der Versuch, eine Berichterstattung zu unterbinden, schlägt ins genaue Gegenteil um. Maßgeblicher Unterschied ist jedoch, dass Schweiger hier entgegen der gängigen Definition eine moralische Legitimation für sein Anliegen hat. Weswegen der Sturm der Entrüstung auf Presseseite bislang eher Verhalten ausfällt. Vereinzelt wird bei Twitter (@fwfo, @RAStadler) über das „Einknicken“ der dpa diskutiert, die die „Pressefreiheit mit Füßen“ trete. Markus Hesselmann, Leiter von Tagesspiegel Online, veröffentlichte den Hinweis der dpa an die Redaktion auf seiner Facebook-Seite. Sein Portal berichtet zur Stunde in aller Sachlichkeit über die Geschehnisse in Hamburg. Und Hesselmann kommentiert selbst: „Man muss ja weder Fotos von dem Haus veröffentlichen, noch irgendwas in Richtung einer Adresse nennen. Aber das heißt nicht, dass man sich gleich die gesamte Berichterstattung verbieten lassen sollte.“

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