In manchen Situationen ist von der rheinischen Natur nichts zu spüren
Dreck fressen

Reiner Calmund, die rheinische Frohnatur, wird TV-Star und muss dabei unnötig schauspielern.

Dieser „Big Boss“ kennt kein Pardon! „Wer versagt, der fliegt“, so Reiner Calmund mit dem ihm eigenen rauen Charme der rheinischen Frohnatur. Seit Ende Oktober treibt der ehemalige Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Bayer Leverkusen für die zwölfteilige Show des TV-Senders RTL ein Dutzend Jungunternehmer in spe zu verschiedenen Aufgaben an.

Am vergangenen Dienstagabend, als die Kandidaten eine Werbekampagne für die Billigfluglinie „Easyjet“ entwickeln sollten, oder in der kommenden Folge, in der verschiedene Fahrgeschäfte zur unwirtlichen Herbstzeit im Wiener Prater betrieben werden müssen. „Dem Sieger winken 250 000 Euro für eine Existenzgründung oder ein Top-Job in der Industrie, dafür lohnt es sich auch mal, Dreck zu fressen“, erklärt der studierte Betriebswirt Calmund. Und wie beim „Dreckfressen“, so oder ähnlich fühlten sich ganz offensichtlich einige der männlichen Kandidaten, als sie von Calmund mit derben Sprüchen in ihre vermeintlichen Kapazitätsschranken verwiesen wurden.

In solchen Situationen ist von der rheinischen Natur nichts zu spüren. Er wirkt dann alles andere als authentisch. Vielmehr so, als habe Calmund den Schauspielkurs der Volkshochschule mit einer „3 minus“ abgeschlossen. Trotz seiner herben Kritik ist Calmund von den Talenten der Teilnehmer überzeugt. „Allesamt sind erstklassig, ausgesucht nicht nach Oberweite oder Taille, sondern nach dem, was sie können“, so der Big Boss. „Schicken Sie mal den Vorstandsvorsitzenden irgendeines großen Unternehmens vor die Deutsche Bank in Frankfurt, da hätte manch einer seine liebe Müh’, seine Bockwürstchen loszuwerden“, glaubt er.

Vorbild für die RTL-Show ist das erfolgreiche US-Format „The Apprentice“, bei dem der New Yorker Immobilien-Milliardär Donald Trump den Rauswerfer gab. „Mit Trump kann und will ich mich nicht vergleichen“, sagt der ehemalige Fußball-Manager. „In Amerika herrscht auch eine ganz andere Unternehmenskultur. Deutsche Top-Unternehmer würden wohl kaum das Risiko eingehen, in der Show vielleicht nicht gut auszusehen.“

Und doch gibt es Parallelen zwischen Trump und Calmund. Beide paaren ausgeprägtes Machtbewusstsein mit einer gehörigen Portion Schlitzohrigkeit. So war Calmund für die Medien schon „der Pate vom Rhein“, „der Mann mit dem Geldkoffer“ und auch „Don Camillo und Peppone in einer Person“, wie die FAZ einmal schrieb. „Hart, aber herzlich“ will er „den jungen Leuten begegnen und damit authentisch bleiben“. Das allerdings gelingt bis dato nur mäßig, weil sich „der positiv Fußballbekloppte“ (Calmund über Calmund) zu sehr müht, den Schauspieler zu geben und sich so seiner sonst fraglos vorhandenen Volksnähe beraubt.

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