Internet-Hoax nach Anschlag in Nizza
Der Terrorist, der keiner ist

Bei Twitter wird ein Mann beschuldigt, Terrorist zu sein. Immer wieder, völlig unschuldig. Es verbreitet sich ein manipuliertes Bild, das ihn mit Sprengstoffgürtel und Koran zeigt. Auch nach dem Anschlag in Nizza.

DüsseldorfVeerender Jubbal lebt in Kanada. Der junge Mann gehört der Sikh-Religion an, arbeitet als Autor und liebt Computerspiele. Von sich selbst sagt er, er sei „cute as gosh“, ziemlich süß also. Doch nach den Terroranschlägen von Paris im November 2015 galt Jubbal plötzlich als einer der gefährlichsten Männer Europas: Eine spanische Zeitung hatte sein Gesicht auf der Titelseite gedruckt, darunter die Zeile: „Einer der Terroristen.“

Die Redakteure von „La Razon“ waren auf ein manipuliertes Bild hereingefallen, das sich in den sozialen Netzwerken verbreitet hatte. Das Foto ist ein Hoax, ein schlechter Scherz also, das Foto mit einem Bildbearbeitungsprogramm verfälscht.

Auch nach den Vorfällen in Nizza ist die Fälschung plötzlich wieder in Umlauf: Sie zeigt Jubbal, wie er lächelnd den Koran in die Kamera streckt, um den Körper eine Sprengstoffweste gebunden, auf dem Kopf einen Turban. Dazu der Tweet: „Der Franzose Veerender Jubbal, der wie berichtet in die Terroranschläge von Nizza verwickelt ist, hat kurz vor dem Anschlag ein Bild von sich gepostet.“

Auf dem Original – Jubbal hatte es bereits im August 2015 getwittert – hält der junge Mann ein iPad in den Händen, von Sprengstoff keine Spur. Echt ist nur der Turban, Dastar genannt, der Jubbal als gläubigen Anhänger der Sikh-Religion ausweist.

Von wegen Islamist also. Trotzdem musste sich Jubbal schon nach den Paris-Attentaten öffentlich rechtfertigen: Er sei noch nie in Paris gewesen, lebe in Kanada, und er sei auch kein Muslim, twitterte Jubbal nach den Anschlägen in der französischen Hauptstadt. Das manipulierte Foto machte trotzdem die Runde. Medien in aller Welt druckten es. „Ein Cousin aus Indien hat mich gerade angerufen, er hat das Bild in der indischen Times gesehen“, schrieb Jubbal sichtlich entnervt bei Twitter. „Ich denke, wir können sie verklagen. Das ist Verleumdung.“

Die Redakteure der spanischen Zeitung „La Razon“ entschuldigten sich schließlich für ihren Fauxpas. Und geklagt hat Jubbal am Ende auch nicht – normalerweise stecke man mehr Geld in ein Gerichtsverfahren als dabei herausspringe, erklärte der Kanadier dem britischen Guardian. Zudem könne Geld nicht die emotionalen Folgen des Vorfalls aufwiegen: Nachdem sein Foto in den sozialen Netzwerken viral gegangen sei, sei er aufs Übelste beschimpft worden. Sogar Morddrohungen habe es gegeben, berichtet Jubbal. Er fühlt sich verfolgt: Nach den Attentaten am Brüsseler Flughafen und an der U-Bahn-Station Molenbeek sei das falsche Foto wieder verbreitet worden.

Auch aktuell, direkt nach den Vorfällen in Nizza, wird das manipulierte Foto wieder bei Twitter herumgereicht. Immerhin: Heute springen Jubbal direkt zahlreiche prominente Twitterer bei, so beispielsweise der britische Musiker und Autor Rhodri Marsden.

Ob Jubbal die Unterstützung allerdings bemerkt, ist fraglich: Im Dezember letzten Jahres hat sich der angebliche Terrorist von Twitter zurückgezogen.

Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin
Tina Halberschmidt
Handelsblatt / Teamleiterin und Redakteurin Social Media
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