Internet im Iran: freies Surfen und politische Kontrolle
Leben in Teheran: Internet, Shoppen, Taxi fahren

Der Iran ist ein Schurkenstaat – die Menschen dort sind böse. Der US-Regierung ist derzeit sehr daran gelegen, dieses Bild in der europäischen Öffentlichkeit zu verfestigen. In Wirklichkeit trägt das Leben in der Hauptstadt aber sehr westliche Züge und die Menschen sind eigentlich ganz normal.

Am späten Nachmittag füllt sich das kleine Internetcafe in Teheran mit jungen Leuten. In Irans 14 Millionen-Metropole gibt es Hunderte öffentlich Surfstationen. Zu zweit und zu dritt drängen sich die Nutzer um die acht Bildschirme. Es gibt Tee, Cappuccino und Knabberzeug. Handys klingeln. Soweit sichtbar, sind die weiblichen Surfer unter ihrem Mantel und dem Kopftuch nach der neuesten italienischen Mode frisiert und gekleidet. Die Jungs sind es sowieso.

Unverzichtbare Kontaktbörse

Das kleine chice Internetcafe ist mittlerweile eine Kontaktbörse, die für die jungen Iraner unverzichtbar ist: Über e-mail und Chat tauschen sie Telefonnummern aus, treffen Verabredungen, und Flirten per Mausklick.

Das Geschäft läuft nicht schlecht, sagt Bijan, der Besitzer. Es war aber nicht einfach. Und es wird auch nicht einfacher. Immer wieder musste er auf Druck der Behörden sein Cafe schließen. Für einen Tag, für eine Woche. Bijan zeigt auf die Headline einer der großen Tageszeitungen: Mit Hilfe von Filtern soll über die Provider der Zugriff auf bestimmte Seiten künftig weiter eingeschränkt werden. 400.000 Seiten sollen geblockt werden, heißt es. Aufgrund der Menge fallen auch schon mal Seiten darunter, die völlig unverdächtig sind.

Regierung sperrt Porno und Politik

Iranische Umweltaktivisten suchen vergeblich nach einer Homepage, die über das Schicksal einer gefährdeten Schildkrötenart am persischen Golf informiert. Dabei geht es bei den Sperrungen offiziell um Porno- und Sexseiten. „Den meisten, die hier hin kommen, interessieren sich gar nicht so sehr dafür“, meint Bijan. Sie wollen einfach nur miteinander kommunizieren. Gerade zwischen Mann und Frau ist das schwierig genug, wenn die islamischen Regeln Unverheirateten schon eine harmlose Verabredung zum Eisessen verbieten.

Auch die Seite von Reza Pahlevi, dem Sohn des letzten Schah, lässt sich natürlich nicht mehr aufrufen. Der ehemalige Kronprinz positioniert sich in seinem US-Exil gerade als eine politische Alternative für den Fall, dass es einen Regimewechsel im Iran gibt. Bijan vermutet darin das eigentliche Ziel hinter den neuen Schranken im Netz: Einige Mächtigen fürchten den Einfluss emigrierter politischer Gruppen, die sich nun im Windschatten des US-Drucks auf den Iran aufbauen. Per e-mail finden unliebsame Informationen aus dem Land den Weg auf viele Webseiten.

Bijan zuckt mit den Achseln. Selbst wenn sich viele der jungen Iraner nicht für Politik oder Pornos interessieren. „Man sollte uns aber wenigstens die Wahl lassen, selbst zu entscheiden, was für uns gut ist“, meint er. „Das können wir im Iran nämlich auch“.

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