Interview mit Bernd Loppow
„Jeder halbwegs ökonomisch gebildete Mensch hätte die Situation erkennen können“

Bernd Loppow absolvierte 1983 ein Praktikum im griechischen Landwirtschaftsministerium. Für die „Zeit“ schrieb er im Anschluss eine Problem-Analyse. Fast 30 Jahre später, ist diese wieder hochaktuell.
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Sie waren in den 80er Jahren Praktikant im griechischen Landwirtschaftsministerium. Was für ein Land haben Sie erlebt?
Ich habe 1983 ein vierwöchiges Praktikum unter Minister Costas Simitis gemacht, der später auch Ministerpräsident geworden ist. Ich habe mich verwundert gefragt, wo die ganzen Beamten sind. Mit der Zeit bekam man mit, dass der eine nebenbei Taxi fuhr, der andere einen Kiosk betrieb. Griechenland ist ein Land mit liebenswerten Menschen. Damals wie heute ist es aber üblich, dass die Politiker Wahlgeschenke in Form von Jobs verteilen. Deshalb ist der öffentliche Dienst total überbesetzt. Es gab und gibt Beamtengehälter scheinbar ohne Anwesenheitspflicht. In Griechenland steht der Familienverbund noch immer an erster Stelle. Der Staat wird bis heute von Politikern und Bürgern eher als Selbstbedienungsladen verstanden.

Wie wurde das möglich?
Die Griechen haben seit dem EG-Beitritt 1981 von Milliardentransfers aus Brüssel und von internationalen Geldern profitiert. Es gab kaum Strukturen, die das Land hätten wettbewerbsfähig machen können. Bereits damals schrieb ich, wie selbst typisch-griechische Produkte wie Ziegenkäse importiert wurden. Innovationen und Investitionen wurden vernachlässigt, die Gelder flossen in den Konsum und teure Importprodukte. Die Integration in die Europäische Gemeinschaft kam zu früh. Das Land war darauf nicht vorbereitet.

Sahen die Griechen das auch so?
Eher nicht und dann zu spät. Selbstverständlich waren die Griechen stolz darauf, Teil der europäischen Völkergemeinschaft geworden zu sein, zumal in Griechenland die Demokratie erfunden wurde. Deshalb war die Aufnahme in die EG eine politische Entscheidung. Jeder halbwegs ökonomisch gebildete Mensch hätte damals erkennen können, wie die Situation war.

Wieso hat niemand rechtzeitig eingegriffen?
Es hat ja lange Zeit funktioniert, zumindest bis zur Banken- und Finanzkrise. Während der Krise gab es dann noch mehr sehr billiges Geld, das die Griechen dankbar angenommen haben. Es wurde aber neben dem Schuldendienst – wie schon damals – für den Konsum ausgegeben, nicht für Investitionen und Strukturverbesserungen.

Sind die Griechen naiv?
Die Griechen waren nicht naiv und sind es bis heute nicht. Sie haben über Jahrhunderte den Handel auf dem Mittelmeer mitbestimmt und waren 500 Jahre unter türkischer Herrschaft. Das Land ist nun einmal anders organisiert als wir es in Deutschland kennen. Bis heute ist es vielfach üblich, die zu zahlenden Steuern mit dem Steuerbeamten auszuhandeln, der einmal im Jahr vorbeikommt. Die griechischen Reeder sind bis heute von der Steuer befreit.

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„Europa muss Griechenland weiter helfen“

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  • Ein sympathischer Artikel mit treffender Beschreibung, wunderbar auf den Punkt gebracht.

    Die Aufnahme von Griechenland in den Euro war gut gemeint, so viel ist klar ...

  • Es wäre den verantwortlichen Politikern in Brüssel sowie in Berlin wirklich zu empfehlen, vor der Implementierung neuer Hilfspakete für Griechenland einmal mit solchen Menschen zu sprechen, die etwa als ausländische Unternehmer praktische Erfahrungen in Griechenland gesammelt haben. Dies würde sie davor bewahren, auf die Umsetzung von Reformauflagen zu setzen, für die in Griechenland nahezu jegliche Struktur fehlt. Von dem aus eigener Überzeugung kommenden Willen, solche Reformen auch tatsächlich umzusetzen, einmal ganz abgesehen. Wer etwa damit rechnet, daß die in dem neuen Hilfspaket vorgesehenen Erlöse aus Privatisierungen tatsächlich in der angenommenen Höhe von rund 50 Milliarden Euro zu realisieren sind, kann mit den realen Verhältnissen in Griechenland nicht annähernd vertraut sein.

  • Träumer sage ich nur. Träumer. "Griechenland muß endlich die überfälligen Strukturreformen schaffen." - tjaha, das wissen alle! Außer den Griechen. Setzen Sie die rosa Brille ab, lieber Autor - das klappt nicht. Es haben sich schon zu viele daran versucht.

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