Interview mit Erzbischoff Reinhard Marx "Börse ist nicht moralfrei"

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Aber innere Haltungen sind kaum zu messen. Wann endet die Gier? Die Politik setzt in gewisser Weise eine Grenze, indem sie den Verdienst von Managern auf 500 000 Euro deckelt.

Ich würde hier eher mit Bezug auf die Incentives argumentieren. Denn wenn ein Anreizsystem geschaffen wird, in dem Maßlosigkeit belohnt wird, dann entstehen Strukturen, die Johannes Paul II. schon einmal „Strukturen der Sünde“ genannt hat. Die Sünde an sich kann nur im Einzelnen passieren, das ist klar. Da gibt es gutwillige und böswillige Menschen und es gibt welche, die nicht überschauen, was sie tun. Wenn bei der Entlohnung in diesem Anreizsystem aber einseitig und einzig das Wachsen der Kapitalrendite zum Maßstab gemacht wird, dann ist das eine falsche und langfristig auch für das Unternehmen selbst unvernünftige Struktur.

Setzen Sie eigentlich den Begriff der Gier mit dem der Spekulation etwa an den Börsen gleich?

Nein. Die Börse ist ein Ort, der notwendig ist für die Marktwirtschaft.

Ohne Spekulation kann aber die Börse nicht funktionieren ...

Dort kann man aber auch hochspekulativ, ohne Rücksicht auf Verluste agieren. Das können Sie etwa bei Daytradern beobachten. Daran stelle ich schon Anfragen. Es gibt Spekulationen, die sich gegen eine ganze Volkswirtschaft richten. Ist das etwa richtig?

Es gibt nicht wenige Spekulanten wie George Soros, die Millionen für gute Zwecke ausgeben.

Das kann ich nicht im Einzelnen beurteilen. Ich weiß nicht, wie und wo Soros spekuliert hat. Ich sage auch nicht: Jede Spekulation ist schlecht. Die Börse lebt ja nun einmal von Erwartungen. Aber die Spekulation gegen Arbeit, gegen Menschen ist ein Unrecht. Da ist schon eine Grenze. Die kann man nicht mit dem Millimetermaß messen, aber es gibt Leitplanken. Die Börse ist kein moralfreier Raum. Es gibt keine moralfreien Räume.

Aber was kann man mit moralischen Kategorien erfassen? Man kann doch zum Beispiel damit nicht klären, ob die Rendite der Deutschen Bank von 25 Prozent gerechtfertigt ist oder nicht.

Da würde ich eher ordnungspolitisch fragen: Wenn 25 Prozent Rendite erreichbar sind, stimmt da der Wettbewerb eigentlich? Ich kann tatsächlich nicht einfach sagen: Ab einer gewissen Grenze ist etwas unmoralisch. Aber wenn Sie 25 Prozent Zinsen zahlen sollten, würden Sie das doch auch als unsittlich bewerten, oder?

Sie machen es Ihren Kritikern etwas schwer, indem Sie manchmal moralisch argumentieren und manchmal vernünftig.

Nein, das ist dasselbe. Moralisch ist nie unvernünftig.

Gemeint ist: im Sinne von Inhärenz.

Wir dürfen nicht von den Menschen etwas fordern – auch in der Moral nicht –, was unvernünftig ist.

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