Interview mit Erzbischoff Reinhard Marx
"Börse ist nicht moralfrei"

Das Buch "Das Kapital" von Erzbischoff Reinhard Marx ist nach Erscheinen sofort in die Bestsellerlisten geklettert. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über Neid, Gier und den Sinn des Sozialstaats.

Handelsblatt: Ihr Buch „Das Kapital“ ist mit Erscheinen in die Bestsellerlisten geklettert. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Erzbischof Marx: Als sich die Finanzmarktkrise zuspitzte, habe ich geahnt, dass die Aufmerksamkeit größer sein könnte als zunächst gedacht. Die Veröffentlichung war aber kein „geschickter Schachzug“, sondern es hat sich einfach so ergeben.

Mit Ihrer Kritik an der Gier bestimmter Bankmanager haben Sie zweifellos eine Stimmung im Lande getroffen. Haben Sie damit aber nicht auch Wasser auf die Mühlen der Linkspartei und der Lafontainisten gespült?

Das ist keineswegs meine Absicht. Ich kritisiere einen verschärften Kapitalismus nicht erst seit einem Monat oder einem Jahr. Das Thema beschäftigt mich schon seit langem. In der Enzyklika „Centesimus annus“ von 1991 gibt Papst Johannes Paul II. einen Hinweis zur Entwicklung nach der Wende 1989, der mich damals schon, als ich noch nicht Bischof war, beunruhigt hat. In meinen Worten: Wenn der Kapitalismus nach der Krise des Marxismus die gesellschaftlichen Probleme nicht löst, dann könnten die alten Ideologien wieder hochkommen, die alten Vorstellungen wieder an Gewicht gewinnen. Im Sinne der Kirche – und nicht nur der Kirche – wäre das unvernünftig. Zu denken gegeben hat mir schon, dass man sich immer mehr an der Kapitalrendite als maßgebender Marke orientiert. Der Druck auf kleine und mittlere Unternehmen ist immer stärker geworden. Ich möchte, dass die Soziale Marktwirtschaft wieder auf einen festen Boden und auf gute Argumente gestellt wird. Sie ist ohne Alternative.

Nun ist Gier ja aus theologischer Sicht eine Sünde ...

Habsucht gehört zu den sieben Hauptsünden.

... also theologisch klar definiert. Nur aus ökonomischer Sicht ist Gier natürlich ziemlich schwierig zu bestimmen. Wo hört das legitime Gewinnstreben auf, und wo fängt die Gier an?

Das legitime Interesse, mein eigenes Leben zu gestalten, für meine Familie zu sorgen, auch legitimes Gewinnstreben, das ist keine Sünde. Gier ist eine innere Haltung, die ohne Rücksicht auf andere die eigenen Interessen vertritt und auch nicht die Folgen bedenkt. Ein Element der Gier ist insbesondere die Maßlosigkeit, dann auch die Rücksichtslosigkeit. Das mag im Einzelnen sehr unterschiedlich sein. Aber zwischen einem normalen Gewinnstreben und Gier ist doch ein großer Unterschied, den man nicht verwischen darf. Eigeninteresse ist keine Gier. Was wäre das auch für ein Menschenbild?

Sind aber die Übergänge nicht fließend?

Das können Sie nur bei jedem Einzelnen messen. Das kann man nicht generell sagen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn ich als Bankmanager ein Zertifikat verkaufe und dabei denke: „Ich selber würde es nicht kaufen, aber ich verkaufe es, weil ich dafür einen Bonus bekomme.“ Das ist sicher ethisch nicht in Ordnung. Langfristig ist es auch unvernünftig, wenn die Bank den Kunden halten will. Da ist wohl doch hier und da überdreht worden: Der Anreiz durch die Incentives ging immer nur in die eine Richtung, mehr und mehr zu verkaufen. Es wurde nicht berücksichtigt, was das überhaupt für andere bedeutet. Dies zu bedenken ist die Grundlage von Ethik, die bekanntlich den Menschen nicht überfordern soll, sondern im Grunde eine vernünftige Lebenshaltung ist. Wir müssen ja miteinander leben.

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