„Irma“
Die Erleichterung ist zu spüren

In Daytona Beach im Nordosten Floridas richtet Hurrikan „Irma“ weniger Schaden an als befürchtet. Die Aufräumarbeiten werden dennoch andauern. Unser Korrespondent Frank Wiebe berichtet aus dem beliebten Badeort.
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Daytona BeachChristan bringt es auf den Punkt: „Es geht hauptsächlich um umgefallene Bäume“, sagt der stämmige junge Mann mit flachsblondem Haar. Er steht in einer Gruppe von Jugendlichen auf einem Parkplatz in Daytona Beach. „Wir hatten nur ein kleines Leck im Dach“, erzählt er. Kanema, eine zierliche junge Frau, die ihre Base-Cap tief ins Gesicht gezogen hat, pflichtet ihm bei: „Es ist nicht so schlimm gekommen wie befürchtet.“

Die Jugendlichen schauen hinaus auf den Strand und das Meer. Der Wind fegt immer noch Schwaden von Sand über die Straßen des bekannten Badeorts im Nordosten von Florida. Und er schickt weiterhin hohe Wellen ans Land, die am Strand hoch laufen. Nur wenige Menschen sind unterwegs, aber bei denen ist die Erleichterung zu spüren.

In der Nacht auf Montag, als der Hurrikan „Irma“ die Richtung auf einmal wieder gen Osten drehte, hat Daytona Beach besonders harte Sturmböen abbekommen. Doch die große Katastrophe ist ausgeblieben. „Die Nacht war okay, wir hatten keinen Schaden“, sagt auch Ricky, ein kleiner schmächtiger Mann mit schwarzen Haaren. Und setzt stoisch hinzu: „Nur Wasser hatten wir zeitweise, bis zu den Knien.“ Von der Straßenseite gegenüber ruft eine ältere Frau mit starkem spanischem Akzent: „Mein Haus ist in Ordnung“, dabei macht sie mit ihrem Handy Fotos vom Strand.

Im Ort hat der Sturm überall mit abgerissenen Ästen und umgekippten Mülltonnen seine Spuren hinterlassen. Aber ein Schaden wie beim Boardwalk Inn, der direkt am Strand liegt, ist selten. Dort hat der Wind einen großen Aufbau aus Metall mit einer Werbetafel wie Papier zusammengefaltet. Drei Arbeiter sperren die Stelle mit gelbem Band ab und fauchen mich an, weil ich den Schaden fotografiere.

Nicht überall ist es so glimpflich abgelaufen. Am Tag eins, nachdem der Sturm die USA erreicht hat, kümmern sich die Helfer vor allem um die „Keys“, die vorgelagerte Inselkette, und um Jacksonville im Norden, wo das Wasser ebenfalls immer noch recht hoch steht.

Aber insgesamt hat Florida, von den Keys abgesehen, viel weniger abbekommen als zuvor die Karibikinseln einschließlich Kuba. Ganz zu schweigen von den verheerenden Überschwemmungen mit Tausenden Toten in Indien, die in der westlichen Welt, die mit Amerikas Stürmen beschäftigt ist, kaum zur Kenntnis genommen werden.

Mir fällt auch ein, wie ich vor knapp fünf Jahren zwei Tage nach dem Wirbelsturm „Sandy“ nach New York gekommen bin. Während ich in Daytona Beach aufs Meer schaue, habe ich die Bilder von damals am Strand von Coney Island wieder vor Augen: der Sand übersät mit Müll. Fensterrahmen, Türen, Teile von Treppen und bunt leuchtendem Kinderspielzeug zeugten davon, dass ganze Häuer weggerissen wurden.

Die Fahrt nach Daytona Beach mit Umweg durch einige Vororte von Orlando hat schon bestätigt: Zu sehen sind vor allem umgefallene Bäume und noch mehr abgebrochene Äste, die an einigen Stellen die Straße bedecken. Weil Amerikas Strom fast überall per Oberleitung kommt, hängt damit der wahrscheinlich langwierigste Schaden zusammen: Rund vier Millionen Einwohner von Florida haben keinen Strom.

Schon am frühen Morgen sieht man Männer und Frauen, die ihre Gärten aufräumen. Einer zerlegt mit einer Motorsäge Äste, die seinen Rasen bedecken. Bei einem Haus sind sogar drei Männer aufs Dach gestiegen, um Äste abzuräumen, von unten schaut eine Gruppe von Hundebesitzern zu. Nicht weit davon bin ich zu einem Umweg gezwungen, weil sich der Zuweg zu einer Durchgangsstraße in einen See verwandelt hat. In einem anderen Viertel von Orlando stehen ganze Häuser unter Wasser.

Auf dem Weg zurück von Daytona Beach in mein Hotel südlich von Orlando wird der Wagen immer noch von Windböen geschüttelt. Aber bis ich am Ziel angekommen bin, scheint die Sonne schon wieder ab und zu. Nur: In der Umgebung meines Hotels wie auch auf meinem ganzen Weg ist kein einziges offenes Geschäft oder Restaurant zu sehen, auch die Tankstellen haben fast alle geschlossen. Mein Hotel hat schon gestern das letzte richtige Essen ausgegeben, jetzt gibt es nur noch Chips, Süßigkeiten, warmes Bier, weil der Kühlschrank ausgefallen ist, und Fertigessen zum Aufwärmen in der Mikrowelle, das eher Appetit auf eine Schlankheitskur macht. Aber was ist das gegen eine wirkliche Katastrophe?

Dann entdecke ich in der Nachbarschaft das Fastfood-Restaurant „Wendy’s“, wo jede Menge junger Leute draußen auf den Stühlen sitzen. Hoffnung keimt auf, aber wird schnell enttäuscht: Dort gibt es auch nichts zu essen, aber dafür ein funktionierender, freier Wifi-Zugang. Den jungen Leuten geht es wie mir: Die Telefonnetze sind zeitweise ausgefallen. Erst gegen Abend kommen sie wieder in Gang.

Florida hat sich auf ein Monster eingestellt und flächendeckende Orkane bekommen. „Irma“ ließ ihre größte Bosheit an den armen Staaten der Karibik aus. Die US-Behörden und die Bevölkerung haben sich mustergültig auf eine mögliche Katastrophe vorbereitet und auch damit den Schaden gering gehalten. Die Medien, allen voran die Fernsehsender, haben mit ihren unermüdlichen Warnungen den Behörden in die Hände gespielt. Zu hoffen ist nur, dass beim nächsten Sturm niemand sich der Hoffnung wiegt, dass wiederum alles weniger schlimm wird als erwartet. Es könnte tödlich enden.

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