Islam
Grippeangst überschattet den Hadsch

Der Hadsch ist der Höhepunkt im Leben jedes frommen Muslims. Dieses Jahr folgten jedoch deutlich weniger Pilger dem Ruf Mekkas. Ein muslimischer Staat hat seinen Bürgern sogar explizit den Hadsch verboten. Der Grund: Angst vor der Schweinegrippe.
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HB DSCHIDDA/ISTANBUL. Mit Plastiktaschen und Thermoskannen bepackt ziehen die Pilger durch den Flughafen von Istanbul. Die frommen muslimischen Männer tragen das weiße, nahtlose Pilgergewand, die Frauen farbige Kopftücher. Sie kommen aus Usbekistan und der chinesischen Uiguren-Provinz Xinjiang. Verloren blicken sie sich in der modernen Flughafenhalle um. Sie sind auf der „Reise ihres Lebens“. Mit der staatlichen türkischen Fluggesellschaft Turkish Airlines wollen sie nach Saudi-Arabien fliegen, um die große Wallfahrt, den „Hadsch“, zu absolvieren, der an diesem Donnerstag seinen Höhepunkt erreicht.

Das Gedränge am Turkish-Airlines-Schalter ist groß, obwohl dieses Jahr wegen der Angst vor der Schweinegrippe weniger Pilger nach Mekka reisen als sonst. Im vergangenen Jahr hatten fast drei Mio. „Hadschis“ die beschwerliche Reise nach Mekka und Medina auf sich genommen. Dieses Jahr haben sich nur etwa 1,6 Mio. Pilger aus dem Ausland und rund 500 000 Muslime aus Saudi-Arabien für die Wallfahrt angemeldet. Der tunesische Staat hat seinen Bürgern in diesem Jahr sogar verboten, die Wallfahrt zu unternehmen. Damit soll verhindert werden, dass sich die Tunesier an den heiligen Stätten im Gedränge mit dem H1N1-Virus infizieren, was anschließend zu einem Anstieg der Zahl der Erkrankungen in Tunesien führen könnte.

Die frommen Muslime aus Usbekistan und China, die an diesem kühlen Herbstabend das Flugzeug in Richtung Dschidda besteigen, lassen sich von solchen Überlegungen nicht abschrecken. Die meisten von ihnen sind alt, haben lange für die Reise gespart. Sie tragen im Gegensatz zu den vielen türkischen Pilgern keinen Mundschutz.

Das Nachsehen haben an diesem Abend vier europäische Reisende, die ebenfalls Tickets für den Flug in die saudische Hafenstadt Dschidda gekauft hatten. Sie dürfen nicht mitfliegen: „Dieser Flug ist reserviert für Pilger“, teilt ein Mitarbeiter der Fluggesellschaft den verblüfften Reisenden mit. Er bietet ihnen ersatzweise Sitze auf der nächsten Maschine an, die in die 850 Kilometer von Dschidda entfernte saudische Hauptstadt Riad fliegt. „Was soll ich in Riad? Ich komme aus Basel und muss in Dschidda eine PVC-Fabrik in Betrieb nehmen“, schimpft der Schweizer Ingenieur Domenic Geisseler. Doch es hilft nichts.

Denn in den Wochen vor dem islamischen Opferfest, wenn die „Hadschis“ aus aller Welt gen Mekka ziehen, herrscht in Saudi-Arabien Ausnahmezustand. „Brauchst du einen Flug, na dann viel Glück!“, titelte die saudische Zeitung „Arab News“ in der vergangenen Woche. „Bis zum Opferfest gibt es auf Inlandsflügen keine freien Plätze mehr“, sagte ein Reisebürobesitzer dem Blatt.

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