Islamistischer Terror
Mit Gottesgewalt

Es war eine kleine Überwachungskamera auf dem Kölner Hauptbahnhof, die den Deutschen das grelle Bild in die Wohnstuben schickte: Der Islamismus - der politische Islam und seine extreme Abart, der islamistische Terror - ist in Deutschland angekommen. Der Islam wird zur konkreten Bedrohung.

BERLIN. Von einem Tag auf den anderen verwandelte sich die von den Sicherheitsbehörden so beschriebene "abstrakt hohe Bedrohung" in eine konkrete Affäre. Zwei Libanesen wollten in Dortmund und Koblenz zwei Bomben hochgehen lassen. Glücklichen Umständen und einer hohen Dosis morgenländischen Dilettantismus war es geschuldet, dass keine Londoner Verhältnisse in deutschen Städten Einzug hielten.

Die Täter kamen nur mittelbar aus dem Niemands- oder Morgenland. Sie lebten als Studenten mitten unter uns. Das hat sie nicht davon abgehalten, die Gastfreundschaft ihres liberalen Gastlandes mit Terror zu bekämpfen. Ihr gescheiterter Feldzug war nicht die einzige Äußerung, mit der 2006 ein fanatischer Islam für erhebliche Unruhe, ja für Verstörung in Deutschland sorgte: Eine nur abstrakt hohe Bedrohung der Berliner "Idomeneo"-Aufführung wurde von eilfertigen Sicherheitsbeamten und einer unberatenen Intendantin im Handumdrehen zur konkret akuten Gefahr hysterisiert und die Aufführung in vorauseilender Feigheit der Intendanz und der Sicherheitsbehörden abgesagt. Fahrlässig zweideutige Worte des deutschen Papstes führten zu gewollt kriminellen Drohungen islamistischer Prediger in Deutschland. Der Wiederabdruck dänischer Karikaturen in einzelnen Gazetten Deutschlands sorgte für maghrebinischen Übereifer: Kein Anlass, so schien es, kann klein genug sein, um islamistische Kreise zu maßlosem Furor der Gewalt zu verführen.

Dabei öffneten diese religiös-politischen Exaltationen vielen zum ersten Mal die Augen für ihre eigene Wirklichkeit. Nicht in Bezug auf existenzielle Bedrohungen, die ein wild gewordener politischer Islam in anderen Teilen der zivilisierten Welt längst anrichtet. Sondern auch darüber, dass Muslime in Deutschland die zweitstärkste Religionsgemeinschaft stellen und "ein Teil Deutschlands" sind, wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) befand. Schäuble hätte auch sagen können: Seit fast einem halben Jahrhundert wächst sich ein kreuzbraver Gastarbeiterglaube unter der Hand zu einer gesellschaftlich relevanten und höchst heterogenen Institution aus. Doch hat die bisher niemand sehen und vor allem: anerkennen wollen.

Dabei hat die gesellschaftliche Ignoranz, die sich angesichts terroristischer Bedrohung selbst als bedrohlich erweist, Methode: Integration wurde 2006 zum Schlüsselwort, weil auch der religiöse Extremismus eine Blüte ist, die üppiger am Rand der Gesellschaft als in ihrer Mitte gedeiht. Insoweit, so hat es die Politik jetzt akzeptiert, stellt ein Amok laufender Klerikalismus keinen nennenswerten Unterschied zu einem deutschnationalen Rechtsradikalismus dar, der Gesinnung, Propaganda und radikale Ideologie für Politik hält - oder als solche bemäntelt. Integration, so hat Schäubles Islam-Gipfel erbracht, heißt nicht nur Eingliederung in das größere Ganze der Gesellschaft. Es muss auch heißen: Wiederherstellung einer Einheit, zu der deutsche Rechte wie deutsche oder in Deutschland lebende Muslime gehören. Dazu gehört die Anerkennung, dass eine Gesellschaft Fremde braucht, um als Gesellschaft zu funktionieren.

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