„It's beaujolais nouveau time“
Nicht jeder mag die „rote Welle“

Die Vermarktungskünstler aus dem Beaujolais haben auch in diesem Herbst wieder den dritten Donnerstag im November fest im Auge. Der neue Rote des Jahrgangs 2005 ist dann zwar wie immer so kurz nach der Ernte noch „unfertig“, schwappt jedoch am 17. November traditionell von Mitternacht an weltweit in die Weinbars und Bistros.

HB PARIS. Während die Branche in Frankreich von einer tiefen Krise geschüttelt wird, ziehen die Winzer der Villefranche-Region die PR-Schraube noch mehr an. Was früher „le beaujolais nouveau est arrivé“ hieß (der neue Beaujolais-Wein ist da), das kommt jetzt flott als Slogan in Englisch daher und zielt auf die Jüngeren ab: „It's beaujolais nouveau time.“

Bei allen Auf und Abs haben es die geschäftstüchtigen Winzer im Beaujolais im vergangenen halben Jahrhundert geschafft, ihren „neuen Wein“ im November zu einem Verkaufsschlager zu machen, an dem schwer zu rütteln ist. „Dafür ist das Image des beaujolais nouveau im freien Fall“, kommentiert die angesehene Wein-Fachzeitschrift „La Revue du Vin de France“ die schrille Marketingkampagne: „Weil der beaujolais primeur kein Wein ist, der diese Bezeichnung verdient, geht es vor allem darum, auch nicht in diesem Sinne über ihn zu reden.“ So solle schlichtweg ein Getränk zum modischen „Event“ hochstilisiert werden.

Das ist noch harmlos gegen die vor Enttäuschung triefende Kritik von Kennern, die nostalgisch daran denken, wie sie vor Jahrzehnten etwa in der Pariser Primeur-Hochburg „Le Rubis“ in der Rue du Marché Saint-Honoré diesen neuen Wein erstmals gekostet und gefeiert haben.

„Einen Lobgesang anzustimmen auf den Wein mit „Bananen-Geschmack“ wäre heutzutage genauso lächerlich wie für ein drittes Mandat des Staatspräsidenten Jacques Chirac zu werben“, meint sarkastisch der Weinkritiker Antoine Gerbelle: „Die große Masse dieses beaujolais nouveau ist doch nur noch ein zusammengeschusterter und seelenloser Abklatsch.“ Zu verantworten hätten dies Händler und Kooperativen.

Gerbelles Plädoyer für eine Rückkehr zu einem schlichten Traubensaft im frischen Gärungsprozess steht das ungebrochene weltweite Geschäft gegenüber. Die Verkäufe ins Ausland nahmen im vergangenen Jahr um 22,9 Prozent zu, vor allem dank einer weiterhin riesig steigenden Nachfrage in Japan (plus 45,5 Prozent auf 93 933 Hektoliter). Nippon fliegt damit - als einsamer Spitzenreiter - wie kein anderes Land auf den beaujolais nouveau, mit enormem Abstand (34 483 Hektoliter) gefolgt von Deutschland und den USA. Die Deutschen haben sich allgemein dramatisch vom Beaujolais-Wein abgekehrt - seit dem Spitzenjahr 1998 stürzten die Exporte auf ein knappes Drittel ab.

Also macht der Beaujolais-Winzerverband eine knappe Million Euro locker, das Mehrfache früherer Werbesummen. Das Image des neuen Weins soll damit auch bei naserümpfenden Franzosen aufpoliert oder - besser noch - ins modern-dynamische Internetzeitalter verpflanzt werden. Da bleibt für Nostalgie kein Platz mehr - „it's beaujolais nouveau time!“

Link:
» www.beaujolaisnouveautime.com

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