Jahrhundertraub
Posträuber Ronald Biggs ein freier Mann

Die britische Regierung hat den legendären Posträuber Ronald Biggs kurz vor seinem 80. Geburtstag überraschend begnadigt und aus der Haft entlassen. Der Grund ist dafür ist Biggs schlechter Gesundheitszustand.

HB LONDON. Der todkranke Postzugräuber Ronnie Biggs verbrachte seinen ersten Tag nach der Begnadigung im Krankenhaus. Er ist so schwach, dass er wahrscheinlich auch seinen 80. Geburtstag an diesem Samstag nicht feiern kann. Dennoch sei er "überglücklich", ließ Biggs am Freitag über seinen Sohn mitteilen. Die Regierung hatte den legendären Ganoven am Vorabend nach einem Sinneswandel doch noch begnadigt, weil sich Biggs' Gesundheitszustand so sehr verschlechtert hatte.

Die Ärzte geben Biggs nicht mehr lange zu leben, seitdem er vor eineinhalb Wochen wegen einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus im ostenglischen Norwich gebracht wurde. Noch vor einem Monat hatte Justizminister Jack Straw ein Gnadengesuch ausgeschlagen, weil Biggs keine Reue für den Überfall auf den königlichen Nachtzug von Glasgow nach London im Jahr 1963 gezeigt habe. Anschließend war er 35 Jahre auf der Flucht.

Biggs' Sohn Michael sagte, auch wenn die Begnadigung keine "praktische Veränderung" bringe, so doch "eine spirituelle". "Er ist sehr glücklich, und wir sind froh, dass gesunder Menschenverstand gewonnen hat." Biggs hat bereits drei Schlaganfälle hinter sich und kann nicht mehr reden, gehen oder essen und trinken. "Wir hoffen sehr, dass mein Vater die nächsten paar Tage überleben wird." Am Freitag sollten die drei Gefängniswärter, die Biggs bisher auch im Krankenhaus überwachten, ihrer Pflichten entledigt werden.

Biggs' Geburtstag fällt mit dem Jahrestag des großen Postzugraubes zusammen: Am 8. August vor 46 Jahren überfielen er und 14 weitere Ganoven den Nachtzug und zogen dem Schaffner eine Eisenstange über den Kopf. Dann entkamen sie mit einer Beute von 2,6 Millionen Pfund - heute wären das umgerechnet 47 Millionen Euro. Die Bande wurde gefasst, Biggs bekam eine Haftstrafe von 30 Jahren. Er flüchtete jedoch kurz darauf aus dem Knast, ließ sein Gesicht umoperieren und lieferte sich 35 Jahre ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden.

Schwer krank kehrte er 2001 freiwillig von Brasilien nach England zurück und wanderte gleich ins Gefängnis. Seitdem musste er aber immer wieder ins Krankenhaus.

Mit der vorzeitigen Entlassung hat Biggs nur ein Drittel seiner Strafe verbüßt. Biggs' Sohn erklärte, sein Vater bereue die Tat. "Es tut ihm Leid, dass er das Verbrechen begangen hat, aber er bereut nicht das Leben, das er danach gelebt hat." Falls sich Biggs wieder erholt, soll er in ein Pflegeheim im Norden Londons kommen. Biggs' Anwalt Giovanni Di Stefano hatte die späte Entscheidung des Justizministers kritisiert. Biggs sei lediglich "entlassen worden, um zu sterben".

Andere mahnten am Freitag auch an, dass bei all dem Medienrummel über Biggs vergessen werde, dass es sich um ein schweres Verbrechen gehandelt habe, bei dem der Zugführer schwer verletzt wurde und sich nie wieder richtig erholen sollte.

Doch auch als freier Mann wird Biggs das Krankenbett voraussichtlich nicht mehr verlassen. Allgemeiner Einschätzung zufolge ist er dem Tode nahe.

Biggs war vor einigen Tagen ins Krankenhaus verlegt worden. Er leidet an einer schweren Lungenentzündung. Sein Sohn Michael sagte, die Begnadigung ändere für seinen Vater in der Praxis kaum etwas, für die Familie sei sie aber von großer Bedeutung. "Die drei Wachleute, die mit meinem Vater im Krankenhaus sind, werden gehen, und mein Vater wird zum ersten Mal seit 1963 frei sein", sagte Michael Biggs laut einer Meldung der britischen Nachrichtenagentur PA vom Freitag. Sein Vater sei "äußerst schwach".

Biggs leidet an den Folgen mehrerer Schlaganfälle. Er wird künstlich ernährt und kann sich kaum verständigen. Sein Anwalt Giovanni Di Stefano sagte, sein Mandant werde entlassen, um zu sterben. "Dieser Mann ist krank, er wird sterben, er wird nicht in irgendein Pub gehen oder nach Rio, er wird im Krankenhaus bleiben", sagte Di Stefano im Sender Sky News.

Biggs, der am Samstag 80 wird, hat ein Drittel seiner 30-jährigen Haftstrafe verbüßt. Noch Anfang Juli hatte Straw eine Freilassung entgegen der Empfehlung der Begnadigungskommission abgelehnt. Biggs habe keine Reue gezeigt, erklärte er zur Begründung.

Mit dem zum "Raub des Jahrhunderts" stilisierten Überfall auf einen Postzug im August 1963 schrieb Biggs Kriminalgeschichte. Gemeinsam mit 14 Komplizen erbeutete er 2,6 Mio. Pfund. Dies entsprach damals 31 Mio. Mark - nach heutiger Kaufkraft mehr als 35 Mio. Euro. Alle wurden damals verhaftet.

Nach seiner Verurteilung zu 30 Jahren Haft gelang Biggs 1965 eine spektakuläre Flucht aus dem Gefängnis. Er ließ sich anschließend in Brasilien nieder und wurde erneut verhaftet, als er 2001 freiwillig nach Großbritannien zurückkehrte, weil er ärztliche Hilfe benötigte.

Seine reguläre Haftstrafe hätte noch bis 2020 gedauert. Immer wieder haben sich seine Anwälte mit Hinweis auf seinen schlechten Gesundheitszustand und sein Alter um eine vorzeitige Entlassung bemüht. Justizminister Straw sagte am Donnerstag, er habe seine Meinung aufgrund von Biggs' gegenwärtiger Verfassung geändert. Sein Zustand habe sich in jüngster Zeit deutlich verschlechtert und werde sich aller Voraussicht nach auch nicht mehr verbessern.

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