Japan
Angriff der Nussknacker

Sie hocken überall: in den Geschäftsviertel oder den Außenbezirken, und sie machen viel Lärm und Dreck. Raben erhitzen derzeit die Gemüter in Japan. Die schwarzen Vögel sind vielen Bewohnern lästig geworden. Besonders in Tokio hat das Problem unerwartete Dimensionen bekommen.

TOKIO. „Werfen Sie niemals einen Stein nach einem Raben“. Herr Kaneda hebt warnend den Zeigefinger gen Himmel, knapp an seinem Hütchen vorbei. Er wird Ende fünfzig sein, zumindest sieht er so aus, und er hat eine tiefe, fast gurrende Stimme. Es ist Mitte Mai, der Taifun vor der Tokioter Bucht ist abgezogen, nun scheint die Sonne und eine sanfte Brise bringt angenehme Frische. Wird sitzen auf einer Bank im Hama Rikyu-Park und sind zufällig ins Gespräch gekommen „Raben sind sehr schlau“, sagt Herr Kaneda. Als Erwachsene seien sie Einzelgänger, aber in ihren Kinder- und Jugendjahren lernten sie viel von ihren Eltern. Also, „werfen sie nie einen Stein nach einem Raben.“

Gerade das könnte einem in Tokio und Umgebung tatsächlich in den Sinn kommen. Denn die schwarzen Vögel sind den Bewohnern der Stadt längst lästig geworden. Die Raben hocken überall, in den Geschäftsviertel oder den Außenbezirken, und machen viel Lärm und Dreck. Ihr lautes Krächzen ist ein ständiger akustischer Begleiter in der Metropole, die wahrlich nicht arm ist an Geräuschen. Raben können locker bis zum 30. Stockwerk hinauf fliegen, von gläsernen Aufzügen aus kann man sie auf Hochhauszinnen mürrisch rasten sehen. Sie räubern Mulltonnen und kommen ziemlich dicht heran, wenn man Essbares bei sich hat. Von nahem sind sie durchaus Angst einflößend, zumal ihr Schnabel recht spitz und kraftvoll aussieht.

Im Internet, bei YouTube, kann man sich zudem davon überzeugen, dass diese Vögel äußerst schlau sind. Dort ist ein Rabe zu sehen, der eine Nuss vom Boden aufliest, mit ihr gen Himmel aufsteigt und sie dann mit Schwung auf eine Fahrbahn fallen lässt. Sobald ein Auto die Nuss überrollt und geknackt hat, kommt der Vogel zurückgeflogen und holt sich die zubereitete Mahlzeit.

Ja ja, die Raben, sagt Herr Kaneda. Die Regierungen der jeweiligen Präfekturen versuchten mittlerweile, ihre Population zu dezimieren. Manchmal könne man Fallen sehen, in denen Nüsse liegen. Der Eingang seit trichterförmig, die Raben könnten sich hinein quetschen, aber sie kämen nicht wieder hinaus. So etwas sollte man aber lieber der Regierung überlassen, rät Herr Kaneda. Deshalb: „Werfen Sie nie einen Stein nach einem Raben.“

Ok, aber warum nicht? Ein Freund von ihm, erzählt Herr Kaneda, hätte das einmal getan. Der Rabe habe sich das gemerkt und fortan den Freund jedes Mal angegriffen, wenn der in der Nähe des Rabenstandortes sichtbar wurde. Zielsicher habe er ihn herausgepickt. „Nur meinen Freund, sonst keinen“, sagt Herr Kaneda. Erst nach einem halben Jahr hätte der Spuk urplötzlich ein Ende gehabt.

Wahrscheinlich, weil das Tier eine andere Beschäftigung gefunden hat, denke ich auf dem Heimweg. Warum sollten die Raben von Tokio anders sein als die Tokioter selbst. In dieser Stadt ist eins gewiss: Alles Neue wird spätestens nach einem halben Jahr langweilig. Wenn Sie also einmal hierher kommen und Abwechselung suchen: Werfen Sie einfach einen Stein nach einem Raben.

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