Joachim Fest ist tot
Der streitbare Bürger

Er galt als einer der bedeutendsten Publizisten und Autoren der Zeitgeschichte, sein Lebensthema war die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Am Montagabend ist Joachim Fest im Alter von 79 Jahren gestorben.

DÜSSELDORF. Bewundert wegen seiner klugen Analysen, gefürchtet wegen seiner streitbaren Bemerkungen, ist der Einfluss von Fests Werken auf die öffentliche Diskussion und den Blick der Deutschen auf ihre NS-Vergangenheit kaum zu unterschätzen. Immer wieder bezog Fest, der von 1973 bis 1993 als Mitherausgeber für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb, als politischer Feuilletonist Stellung. Nicht zuletzt dadurch positionierte er sich als einer der wichtigsten Chronisten der Nachkriegszeit. Er schrieb eine bis heute maßgebliche Hitler-Biografie, betreute Albert Speers „Erinnerungen“ und lieferte die literarische Vorlage zum Führerbunker-Film „Der Untergang“.

Joachim Fest, am 8. Dezember 1926 in Berlin-Karlshorst als Sohn eines Oberschulrats geboren, war ein Kind der „Flakhelfergeneration“. Nach einem breit angelegten geisteswissenschaftlichen Studium begann er seine berufliche Karriere als Publizist – zunächst beim Sender Rias, in den sechziger Jahren beim Norddeutschen Rundfunk. Als Chefredakteur ließ sich Fest 1968 beurlauben, um sich ganz der Arbeit an seiner Hitler-Biografie zu widmen. Vertreter des Konservativismus sahen in ihm immer den großen Repräsentanten der bürgerlichen Gesellschaft. Seine Leistung war es, den Blick auf die Ursachen des Nationalsozialismus geschärft zu haben. Den Linken war er dagegen verdächtig. Gerade Fest habe als Nazi-Biograf manche verklärende Legende über die deutsche Gesellschaft in der NS-Zeit erst in Gang gesetzt.

Tatsächlich ging Fest den Lügen von Albert Speer, dem er beim Schreiben der „Erinnerungen“ zur Seite stand, auf den Leim. Die Legende von Speer als „gutem Nazi“ sowie dessen Entlastungsstrategie hätten wohl ohne die literarische Beihilfe von Joachim Fest weniger Popularität erlangt. Fests Einsicht, von Hitlers Chefarchitekten und Rüstungsminister betrogen worden zu sein, kam spät – aber sie kam. Speer habe ihm bewusst die Unwahrheit gesagt, als er behauptete, nichts von den Plänen zur Massenvernichtung von Juden und anderen gewusst zu haben, gab Fest dann zu.

Seine Kritiker bemerkten meist nicht, dass Fest nicht in die Schublade des hochmütigen Konservativen oder gar Revisionisten passte, in die sie ihn stecken mochten. Dafür war er zu groß, größer als die meisten seiner Gegner. Mit Intellektuellen wie Hannah Arendt oder Sebastian Haffner war Joachim Fest in Freundschaft verbunden. Auch mit Ulrike Meinhof, der späteren RAF-Terroristin, diskutierte er. „Mit wenigen machte es so viel Vergnügen zu streiten wie mit Ulrike Meinhof“, sagte er einmal. „Jedes Mal, wenn wir uns irgendwo bei einer Party trafen, zogen wir uns in eine Ecke zurück und redeten über Politik.“

Joachim Fest starb nach längerer Krankheit in seinem Haus in Kronberg im Taunus. Kurz vor seinem Tod hatte Fest seine Jugenderinnerungen niedergeschrieben, die in der kommenden Woche unter dem Titel „Ich nicht“ erscheinen sollen. Marcel Reich-Ranicki, den Fest seinerzeit als Literaturchef selbst zur „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ geholt hatte, ehrt Fest als großen Journalisten, Publizisten und Historiker und zugleich als „vorzüglichen Stilisten“.

Jörg Hackhausen
Jörg Hackhausen
Handelsblatt Online / Reporter
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