Jörg Kachelmann zum Karneval
„Einige werden sich in Badehose fotografieren lassen“

Blauer Himmel, aber keine Kamelle: Ist es wirklich zu stürmisch für die Karnevalsumzüge? Wetterexperte Jörg Kachelmann erklärt, welche Gefahren es gibt und warum Jecken auf die Schauer sauer sein sollten.

DüsseldorfDie Karnevalisten können es nicht verstehen. In einigen Städten an Rhein und Ruhr scheint die Sonne, in anderen wehen zwar kräftige Böen, aber es stürmt nicht – und trotzdem fallen die Rosenmontagsumzüge aus. Wetterexperte Jörg Kachelmann hält diese Entscheidungen für nachvollziehbar: „Wenn etwas passiert, dann hat es gleich schwere Auswirkungen“, sagt der Meteorologe von der Website kachelmannwetter.com im Gespräch mit dem Handelsblatt. Warum die Vorhersagen so schwierig sind und die Jecken auf die Schauer sauer sein sollten.

Herr Kachelmann, viele Leute finden, dass das Wetter gar nicht so schlimm ist. Waren die Absagen voreilig?
Das Wetter ist auch nicht schlimm, zumindest mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Aber wenn etwas passiert, dann hat es gleich schwere Auswirkungen. Wenn den Leuten der halbe Karnevalszug um die Ohren fliegt, gibt es Verletzte und Tote. Die Kölner…

… die ihren Rosenmontagsumzug nicht abgesagt haben...
…, die sagen: 95 Prozent – dat is joot. Die anderen gehen das fünfprozentige Risiko nicht ein.

Welche Entscheidung halten Sie für richtig?
Ich bin froh, dass ich die Entscheidung nicht treffen muss. Das ist eine Lose-Lose-Situation: Die Absage kann nicht gerechtfertigt werden, weil der Zug nicht stattfindet und daher auch keine Aufbauten vom Karnevalswagen fallen können. Auf Facebook und Twitter kommen sicher noch 480.000 Bilder, auf denen die Sonne scheint, und einige Leute werden sich in Badehose fotografieren lassen. Am Ende ist die Frage, ob die Wetterleute die Deppen sind oder die Karnevalsvereine.

Worin besteht denn die konkrete Gefahr?
Die Böen haben 70 bis 80 Stundenkilometer, das ist kein Problem. Allerdings gibt es heute einzelne Schauer und Gewitter mit starken Höhenwinden, die bis zu den Jecken runterkämen – die sind noch mal 10 oder 20 km/h schneller. Dann können die Aufbauten vom Wagen kippen oder Schirme und Stühle durch die Straßen fliegen. Über dem südlichen Belgien ist gerade ein schönes Gewitter. Wenn es gerade über Köln oder Düsseldorf zöge, hätten wir so eine Lage.

Es wird massiv in die Wettervorhersagen investiert. Warum lassen sich Schauer und Gewitter trotzdem nicht genauer prognostizieren?
Selbst in 100 Jahren wird man nicht wissen, worüber die Schauer und Gewitter genau hinwegziehen. Um das genau vorherzusagen, ist das System zu chaotisch. Ich finde den Vergleich mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings blöd, aber es kommt manchmal auf kleine Dinge an, die man nicht vorhersagen kann – zum Beispiel ob ein Aufwind einen Kilometer weiter nördlich oder südlich entsteht. Eine kleine Veränderung reicht, damit ein Schauer in Köln-Niehl runtergeht und nicht in der Innenstadt.

Herr Kachelmann, danke für das Gespräch.

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