Jogginghose Auf dem Weg in jede Lebenslage

Auf dem Modemarkt tummeln sich immer mehr Jogginghosen – ohne Schlabberlook oder billigem Material. Stilexperten bleiben aber weiter skeptisch. Schafft die Jogginghose 2018 endgültig den gesellschaftlichen Durchbruch?
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Die Designer-Jogginghose hat bereits einen Markt – wenn auch einen kleinen. Quelle: dpa
Lässig

Die Designer-Jogginghose hat bereits einen Markt – wenn auch einen kleinen.

(Foto: dpa)

BerlinIst das tatsächlich eine Jogginghose, was Sebastian Kaiser da trägt? Man muss schon ganz genau hinschauen, um sie erkennen zu können. Eng geschnitten, kariert, modisch – Kaisers Beinkleid könnte aus der Ferne auch als Stoffhose durchgehen. Doch der Münchner schwört auf Jogginghosen – er designt und produziert sie aus besonders hochwertigen Materialien. „Für mich bedeuten Jogginghosen Freiheit und Feierabend“, sagt Kaiser.

2012 hat er das Label Boulezar gegründet, bei dem gemütliche Hosen aus Jersey und auch anderen Stoffen im Mittelpunkt stehen. „Mein Ziel war es, die Jogginghose immer weiter zu etablieren. Wir sind mit unseren Schnitten weit weg vom Schlabber- oder Hartz-4-Look“, sagt Kaiser. „Wenn sie am Hintern gut geschnitten ist, sieht auch eine Jogginghose gut aus.“

Kaiser verwendet für seine Hosen am liebsten italienisches Jersey, auch Stoffe aus Japan haben es ihm angetan. Das Endprodukt kostet dann schnell mal um die 300 Euro – nicht unbedingt ein Schnäppchen für jedermann. Rund 600 Hosen verkauft er nach eigenen Angaben jährlich. Schauspieler Samuel L. Jackson und Sängerin Madonna haben seine Sweatpants schon getragen.

Mit der Jogginghose ins Büro
Jogginghosen
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Pro

Es gibt kaum ein bequemeres Kleidungsstück. „Entspann Dich und trag die Jogginghose einfach den ganzen Tag, egal ob in der Schule oder bei der Arbeit“, appellieren die Initiatoren des „Internationalen Jogginghosentags“. Auf Facebook haben bereits Zehntausende „Freunde des bequemen Beinkleides“ ihre Zustimmung signalisiert.

Im Schlabberlook durch die Fußgängerzone
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Kontra

Jede Kleidung hat ihren Zweck und ihre Daseinsberechtigung - und Jogginghosen sind nur zum Sporttreiben da. „Jogginghose bleibt Jogginghose, auch wenn sie von einem Designer stammt“, sagt Agnes Jarosch, Leiterin des Deutschen Knigge-Rates. „Im Fitnessstudio, in der Freizeit, dort gehört sie hin.“

Jogginghosen
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Pro

Jogginghosen sind unkonventionell. „Der Jogginghosentag ist auch ein Protest gegen die Konvention, dass man solche Hosen nicht in der Öffentlichkeit tragen sollte“, sagt der Mitinitiator des Aktionstages, Matthias Strohmeier. „Ein bisschen wie Casual Friday“ - er spielt damit auf die Gepflogenheit in vielen Unternehmen an, freitags statt Anzug und Krawatte zu tragen, von der strengen Kleideordnung abzuweichen. Jogginghosen seien immer ein stückweit Provokation, sagt außerdem der Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts, Gerd Müller-Thomkins.

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Kontra

Jogginghosen haftet immer noch etwas Proletenhaftes an. „Die Jogginghose stammt ja ursprünglich aus der Eisenbieger-Szene, dem Vorläufer der Fitnesskultur“, sagt Müller-Thomkins.

Comedian Bessin appears on stage during Bambi 2013 media awards ceremony in Berlin
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Pro

Jogginghosen können stilvoll wirken – bei Frauen. „Wer in der Öffentlichkeit angezogen wirken möchte, sollte dazu aber hohe, elegante Schuhe tragen“, sagt Stilberaterin Ines Meyrose. „In Branchen, deren Dresscode kein Kostüm vorschreibt, können ,Jogpants' stylisch wirken, wenn sie zum Beispiel noch mit einem Blazer kombiniert werden“.

Im Schlabberlook durch die Fußgängerzone
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Kontra

Wer als Mann in Ballonseide durch die Fußgängerzonen flaniert, wirkt ungepflegt. Wenn Männer in der Öffentlichkeit gemütlichere Hosen tragen wollten, sollten sie im Sommer zu weiten, luftigen Leinenhosen greifen, sagt Meyrose. „Im Winter gehen dann entspannt geschnittene Cordhosen.“

Jogger
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Pro

Jogginghosen sind Ausdruck von Individualität. Gerade in kreativen Branchen könnten Frauen sich mit eleganten Designermodellen hervorheben, sagt Meyrose, die Mitglied im Interessenverband deutscher Farb- und Stilberater ist. Varianten und Abwandlungen der klassischen Jogginghose böten zudem zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten, sagt Modefachmann Müller-Thomkins.

Die Jogginghose hat ihr schlechtes Image als Kleidung für Faulenzer, Arbeitslose oder Hiphopper Jahr für Jahr etwas mehr abgelegt. Der Durchbruch zur endgültigen gesellschaftlichen Anerkennung scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. „Die Jogginghose ist heutzutage nicht aus unserer Gesellschaft wegzudenken“, glaubt Kaiser. „Ich schätze, dass selbst die Queen eine Jogginghose oder zumindest eine gemütliche Haushose hat.“

Der Münchner ist nicht der einzige, der die Jogginghose inzwischen modischer schneidet und hochwertigere Stoffe verwendet. „Was uns gegenwärtig von den Designern als Jogginghose verkauft wird, kann schlecht als Sportswear bezeichnet werden“, urteilte erst vor kurzem die „Cosmopolitan“. „Mit diesen „neuen Jogginghosen“ kann man einen businesstauglichen Look stylen.“

In der Branche setzt sich unter anderem der Begriff Tracksuit-Hose immer weiter durch, quasi die modische Weiterentwicklung der Jogginghose. Die Materialien sind dabei meist ähnlich der bekannten Sweatpants, Farbe und Details aber eher modisch urban, der Schnitt ist oft weit. So wird zum Beispiel oft auf einen engen Bund an den Knöcheln verzichtet.

Für den Stilexperten Bernhard Roetzel macht es allerdings keinen Unterschied, ob eine Jogginghose aus billigen oder teuren Stoffen hergestellt wird. „Jogginghose ist Jogginghose“, sagt Roetzel. Die Meinung zu diesem Kleidungsstück habe sich zwar bei vielen Leuten grundlegend verändert. Aber eigentlich sei sie weiterhin eine Sporthose. „Sie heißt ja Sweatpants, weil man da hineinschwitzt.“

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