Johannes Groschupf überlebte schwer verbrannt einen Hubschrauberabsturz und schreibt ein Buch über sein Unglück
„Das bin ich“

Johannes Groschupf stürzte in der algerischen Sahara mit einem Hubschrauber ab. Als einzigem Passagier gelang es ihm, aus den Flammen zu entkommen. Seine Haut erlitt schwerste Verbrennungen. Elf Jahre nach dem Absturz veröffentlicht Groschupf einen Roman, um von der Grenze zwischen Leben und Tod zu berichten.

Am Karfreitag 1994 ist Johannes Groschupf als Journalist in der algerischen Sahara unterwegs. Nach der Besichtigung einer Höhle steigt er mit anderen Wüsten-Reisenden, Kollegen sind darunter und Tuareg, in einen Helikopter, um vom Gebirge zu einer Oase gebracht zu werden.

Kurz nach dem Start bricht ein Rotorblatt. Der Hubschrauber stürzt ab und fängt Feuer. Als einzigem Passagier gelingt es Johannes Groschupf, aus den Flammen zu entkommen. Seine Haut erleidet schwerste Verbrennungen. Es sind die Bilder, an die er sich bis heute in aller Deutlichkeit erinnert, und es sind die Gerüche, die Gerüche nach Metall, Benzin und Rauch.

Ein spätsommerlicher Nachmittag in einem Gartencafé am Berliner Paul-Linke-Ufer. Von den Bäumen fallen erste Kastanien. Die Kellnerin bringt Kaffee. Auf dem Tisch liegt ein frisch gedrucktes Buch. "Zu weit draußen" lautet der Titel.

Elf Jahre nach dem Absturz veröffentlicht Groschupf einen Roman, um von der Grenze zu erzählen, auf der er sich befunden hatte, der Grenze zwischen Leben und Tod. Vom Über- und Weiterleben erzählt er, von den Schmerzen und dem Glück, von der Suche nach einem neuen Dasein mit einem neuen Gesicht und einem neuen Körper.

Der Roman und die mit ihm gewählte Öffentlichkeit lassen ihn zur Ruhe kommen: "Jetzt, wo ich die Geschichte anderen zu lesen geben kann, rumort sie nicht mehr in mir", sagt er mit leuchtenden Augen.

Seine Haut trägt Spuren, obwohl sie auf den ersten Blick nicht so sehr auffallen, die Narben, die Transplantationslinien, die auf den Unterarmen Muster gebildet haben. An manchen Stellen sieht die Haut empfindlich und dünn aus.

"Zu weit draußen" ist Groschupfs Debüt als Schriftsteller. Das hat er sich immer gewünscht, Schriftsteller zu sein. Als Kind dachte er sich Mordgeschichten über die Nachbarn aus, später schrieb er Gedichte. 14 war er, als er beim Mittagstisch verkündete, Schriftsteller werden zu wollen. Der Vater, von Beruf Richter, reagierte abfällig: "Da werden sie schon auf dich warten."

Als Erwachsener schwor Johannes Groschupf dem Traumberuf ab und wurde Reisejournalist. Er flog nach Jamaika und Hawaii, um über die Künstlichkeit touristischer Paradiese zu berichten. Er reiste nach Czernowitz, um auf den Spuren des Dichters Paul Celan zu wandeln. Mit seiner Freundin bekam Groschupf zwei Kinder, die abwechselnd auf seinen Knien saßen, wenn er die Artikel tippte.

Denkt der heute 42-Jährige an die Zeit damals, sieht er sich als mürrischen, unausgeglichenen Menschen. "Mein Alltag war chaotisch. Ich lebte von Auftrag zu Auftrag und hatte das Gefühl, nicht eigentlich das zu tun, was ich tun wollte", sagte er. "Weder beruflich noch privat glaubte ich den Ansprüchen der anderen zu genügen." Seine Freundin und er trennten sich.

Er versprach seinen Kindern, nicht lange weg zu bleiben, als die algerische Tourismusbehörde Journalisten zu einer Reise einlud. Die Stille und Unendlichkeit der Landschaft zogen den 30-Jährigen sofort in ihren Bann. Mit einem Kollegen lag er nachts im Sand und schaute in den Himmel. Die Sterne schienen zum Greifen nah. "Ich habe mich da verloren", sagt er. Sie besichtigten eine Höhle mit jahrtausendealten Zeichnungen: Menschen in Dreiecksstrichen, faszinierende Bilder von Giraffen, Flusspferden, Elefanten. Später holten zwei Hubschrauber die Reisegruppe ab. Drei Kinder, die Söhne des Piloten, waren mit an Bord.

Als der Hubschrauber auf dem Boden aufschlug und Benzinleitungen platzten, breitete sich im Nu Feuer aus. Groschupf lag unter den Passagieren. Die Tür ließ sich nicht öffnen, die Menschen, lebendige Fackeln, schrien. Johannes Groschupf hatte mit dem Leben abgeschlossen, als ihm das Bild seiner Kinder vor das innere Auge trat. Mit letzter Kraft stand er auf.

Trotz der Flammenwolke fand er den Weg in die Kanzel des Helikopters und kletterte durch die zersplitterten Scheiben ins Freie. In den ersten Momenten spürte er das reine Glück des Überlebenden: "Adrenalin schäumte über in mir." Bis die Schmerzen kamen. Der zweite Hubschrauber brachte ihn in das Lazarett der Oase. Dort versetzten die Ärzte ihn in ein künstliches Koma und ließen ihn in ein Krankenhaus nach Stuttgart fliegen. Achtzig Prozent seiner Haut seien verbrannt, hieß es, ein Wunder, dass er überhaupt noch lebe. Jeder Verbandwechsel geriet zur Höllenqual.

Mit den Ärzten stritt er um Schmerzmittel. Noch ein Dreivierteljahr später war sein Gesicht entzündet und verschorft. Die Familie und Freunde besuchten ihn.

Einmal stand die Mutter eines verunglückten Kollegen an seinem Krankenbett. Groschupf verspürte Schuld: Er war der Einzige, der von den Passagieren, mit denen er in Augenblicken der Todesangst verbunden gewesen war, überlebt hatte. Ein Bordmechaniker, der sich auch hatte retten können, soll später Suizid verübt haben.

Fast anderthalb Jahre lag er im Krankenhaus, dann kehrte er nach Berlin zurück. Nächtelang spazierte er durch die Straßen. Tagsüber kontrollierte er jede Mimik, jede Geste derjenigen, die ihm begegnen. Ekelten sie sich vor dem Gesicht, das ihn anfangs selbst immer wieder erschrak? Doch das befürchtete Starren blieb aus. Eher reagierte ein früherer Kollege verletzend: "Wie kommst du denn mit deiner Entstellung zurecht?"

Als er vor drei Jahren anfing, einen längeren Text zu schreiben, wählte er die Form des Romans, nicht die der Autobiografie. "Eine Autobiografie stelle ich mir eher für einen 75-Jährigen vor", sagt er und lacht. Die Fiktion des Romans erlaube mehr Spielräume bei der Gestaltung, tatsächliches Geschehen kann sich mit erfundenem mischen. Johannes Groschupf entwirft eine Galerie an verschrobenen Typen, um das Leben am Existenzminimum, in das seine Roman-Hauptfigur Jan Grahn nach dem Unfall gerät, zu pointieren.

Heute vergisst Johannes Groschupf, dass seine Haut anders aussieht als bei anderen, und beim Blick in den Spiegel geht es ihm wie anderen. "Das bin ich", sagt er sich, nur an manchen Sonntagnachmittagen packt ihn die Schwermut, "aber immer seltener". Manchmal ist er sogar stolz auf sein Gesicht: "Weil es eine Geschichte erzählt."

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