Johannes Rau: „Keine leichte Wegstrecke“

Johannes Rau
„Keine leichte Wegstrecke“

"Herr Bundespräsident Rau kann aus gesundheitlichen Gründen nicht bei uns sein. Seine Tagesform lässt es nicht zu, heute mit uns zu feiern." Als Bundespräsident Horst Köhler im großen Saal des frisch renovierten Schlosses Bellevue diese Sätze sagt, ist die Betroffenheit bei ihm und den 150 geladenen Gästen förmlich mit Händen zu greifen.

HB BERLIN. Mit ernster Miene blickt das Staatsoberhaupt zu den Stühlen in der ersten Reihe, auf denen eigentlich der Altbundespräsident mit seiner Frau Christina sitzen sollte. Jetzt haben stellvertretend die drei Kinder der Raus, Laura, Anna und Philip, dort Platz genommen.

Ein extra aufgenommenes Tonband werden sie später ihrem Vater mitbringen, damit er sich die Rede des Bundespräsidenten zu seinem 75. Geburtstag anhören kann. Raus öffentliche Auftritte waren schon zuvor selten geworden. Er hat sich von den Folgen zweier schwerer Operationen nie wieder richtig erholt. Neulich bei der Einweihung der wieder aufgebauten Frauenkirche in Dresden musste er frühzeitig die Feierlichkeiten verlassen. Doch absagen wollte er seinen Geburtstagsempfang nicht. Ihr Vater habe bis zuletzt gehofft, zusammen mit einigen der engsten Freunde und Weggefährten feiern zu können, sagte Raus älteste Tochter Anna. Nach anderthalb Jahren Krankheit und gesundheitlichem Auf und Ab sei dies aber einer jener Tage, an denen er nicht tun könne, was er sich vorgenommen habe, teilte seine Tochter mit.

Johannes Rau hatte vor kurzem selbst über seinen Gesundheitszustand gesprochen: "Nach der Abgabe des Amtes bin ich krank geworden. Und ich habe jetzt gelernt, dass der biblische Begriff ,Herz und Nieren' doch mehr sagt, als in den Gesundheitsseiten der Magazine steht. Da habe ich eine Wegstrecke hinter mir und auch vor mir, die ist nicht leicht."

Bundespräsident Köhler würdigt in seiner Rede vor den Geburtstagsgästen, unter ihnen Altbundespräsident Walter Scheel und Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD), die jahrzehntelange Arbeit Raus. Spricht ihn dabei konkret an. Ganz so, als würde er in der ersten Reihe sitzen. Später wird sogar das sonst so perfekte Protokoll des Bundespräsidialamtes kurz außer Tritt geraten. Die Musiker, die nach der Rede Raus spielen sollen, sind nicht so schnell herbeizuholen. Ihnen hat offenbar keiner gesagt, dass statt der Rede Raus Tochter Anna nur kurz ein paar Dankesworte spricht.

50 Jahre war Rau in der Politik, und er gehört inzwischen einer nur noch kleinen Gruppe von prominenten Gestaltern der deutschen Nachkriegsgeschichte an. Am 16. Januar 1931 in Wuppertal als Sohn eines Predigers geboren, trat Rau, der das Gymnasium vor dem Abitur verlässt, als 21-Jähriger in die Gesamtdeutsche Volkspartei seines politischen Ziehvaters Gustav Heinemann ein. Nach dem Wechsel zur SPD übernahm Rau in Nordrhein-Westfalen bald Spitzenämter und wurde 1978 Ministerpräsident. Als Rau 1999 im zweiten Anlauf in das höchste Staatsamt gewählt wurde, glaubten viele, über den bekennenden Christen mit dem Spitznamen "Bruder Johannes" bereits alles zu wissen. Rau erzählte selbst lächelnd von den Einwänden aus dieser Zeit. Er sei zu alt, sei Pils-Trinker und Anekdotenerzähler.

Köhler erinnert dagegen an Raus Grundsatz "Versöhnen statt spalten", der ihn zu einem der beliebtesten deutschen Politiker machte. Besonders lobt er die historische Rede des Altbundespräsidenten vor dem israelischen Parlament Knesset am 16. Februar 2000, in der er um Vergebung für die Verbrechen des Holocausts gebeten hatte. Rau sei einer der ältesten und besten Freunde Israels, sagt Köhler. Auch für das deutsch-polnische Verhältnis habe er viel bewirkt. Beharrlich habe das frühere Staatsoberhaupt für das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern geworben und zum Dialog der Kulturen ermuntert.

Thomas Sigmund
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%