Joschka Fischer
Tausche Macht gegen Freiheit

Quasi in letzter Minute hatte Joschka Fischer im Sommer 2005 noch sein außenpolitisches Vermächtnis vorgelegt. Kurz bevor ihn die Bundestagswahl nach sieben Jahren aus dem Amt des Außenministers fegte, beschrieb er in "Die Rückkehr der Geschichte", wie sich die Welt seiner Meinung nach seit dem 11. September 2001 verändert hat. Und auch wenn man nicht all seine Schlussfolgerungen auf dem Weg in eine multipolare Welt teilen mag: Das Buch ist ein Dokument des Wandels seiner eigenen Person und der Politik.

HB BERLIN. Deshalb bildet die Ära Fischer ein eigenes Kapitel in der deutschen Außenpolitik - nicht nur weil mit ihm erstmals ein Grüner oberster deutscher Diplomat wurde. Ausgerechnet die rot-grüne Bundesregierung schickte 1999 die Bundeswehr in ihren ersten Kriegseinsatz seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Und dies war nur möglich, weil Fischer die ehemals pazifistischen Grünen auf eine neue und realistischere Sichtweise der deutschen Außenpolitik trimmte. In der Ära Schröder-Fischer wurde zwangsläufig die deutsche Zuschauermoral bei internationalen Themen durch eine stärkere Handlungsverantwortung abgelöst.

Mit allen Vor- und Nachteilen hat Fischer aber auch versucht, das Amt des deutschen Außenministers neu zu definieren. Denn er versuchte sich stärker als Ideengeber und Visionär, gerade in der Europapolitik - wurde aber genau dadurch angreifbar. So belebte er zunächst den Gedanken eines Kerneuropas, später zählte er zu den Hauptmentoren des europäischen Verfassungsvertrages. Allerdings erlebte er auch den Niedergang seiner Ideen: Er selbst sagte sich im vergangenen Jahr nach der Erweiterung der EU um zehn Staaten von der Idee eines Kerneuropas wieder los. Und die Ratifizierung des europäischen Verfassungsvertrages blieb durch die gescheiterten Referenden in Frankreich und den Niederlanden stecken. Der Preis, den er zu zahlen hatte, war der Vorwurf der Machtlosigkeit.

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man nach der Beurteilung seiner Arbeit im Ausland fragt. Verblüffenderweise genießt ausgerechnet der Grünen-Außenminister, Rebell und Irak-Kriegs-Gegner heute in den USA höchste Wertschätzung. Zum einen liegt dies daran, dass er gerade im Irak-Streit zusammen mit Innenminister Otto Schily den rot-grünen "Brückenkopf" für die Transatlantik-Kontakte bildete.

Geholfen hat zudem, dass Fischer im Laufe der Jahre immer besser Englisch sprach und frei auch mit US-Politikern und Journalisten diskutieren konnte. Ausgesprochen souverän leitete er den Uno-Sicherheitsrat - und das auf dem Höhepunkt des Irak-Streits. Ohne dass dies in Deutschland so wahrgenommen wurde: Fischer war für viele das "Gesicht Deutschlands".

Ein anderer Grund ist die besondere Aufmerksamkeit, die Fischer dem Nahost-Konflikt und der Pflege der deutsch-jüdischen Beziehungen widmete. Seine Grundphilosophie, als deutscher Außenminister stets die historische Belastung Deutschlands im Kopf haben zu müssen, brachte ihm hohes Ansehen ein- übrigens nicht nur in Israel, sondern auch in den arabischen Ländern. Viele tippen deshalb, dass man den jetzigen Bundestagsabgeordneten Fischer später nochmals auf internationaler Bühne wiedersehen wird.

Die Amtszeit Fischers ist aber auch Symbol dafür, wie schnell Minister ins Trudeln geraten können, wenn sie bestimmte Aufgaben vernachlässigen - und zu spät auf Sensibilitäten der Öffentlichkeit reagieren. Das hat die Visa-Affäre deutlich gezeigt. Jahrelang galt das Konsularwesen nur als lästiges Beiwerk im Diplomaten-Leben. Plötzlich aber wurde die Visa-Vergabe zu einem der heikelsten innenpolitischen Schlachtfelder. Daher dient die Amtszeit des wohl schillerndsten deutschen Außenministers der Nachkriegszeit seinen Nachfolgern auch als Mahnung.

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