Joseph Ratzinger genießt in seiner Heimat nicht den besten Ruf
Deutsche hadern mit "ihrem" Papst

Als der Pole Karol Wojtyla 1978 zum Papst gewählt wurde, kannte der Jubel in seinem Heimatland keine Grenzen. Als der Deutsche Joseph Ratzinger 2005 zum Papst gewählt wird, ist die Stimmung verhalten.

HB BONN/DÜSSELDORF. Mit gemischten Gefühlen reagieren viele Christen im Heimatland des neuen Papstes auf die Nachricht aus Rom. Knapp die Hälfte der 336 Teilnehmer an der Umfrage auf Handelsblatt.com haben sich gegen Ratzinger als Papst ausgesprochen, nur wenige mehr für ihn.

Der bisherige Präfekt der Glaubenskongregation hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Reformanliegen nördlich der Alpen abgekanzelt. Als Papst hat er nun noch größeren Einfluss auf die Geschicke der Kirche in Deutschland.

Vor allem die Ökumene liegt Millionen von Katholiken und Protestanten im Heimatland des Reformators Martin Luther am Herzen. Die konfessionellen Grenzen werden hier besonders schmerzhaft gespürt; der Riss geht durch viele Familien. Der Wunsch nach mehr Zusammenarbeit und gemeinsamen Abendmahls-Feiern stößt bei vielen katholischen Bischöfen in Deutschland auf großes Verständnis.

Doch Ratzinger ist bisher hart geblieben. Seine vatikanische Erklärung „Dominus Jesus“ war im Jahr 2000 eine kalte Dusche für alle Ökumeniker: Den protestantischen Kirchen sprach er ab, überhaupt echte Kirchen zu sein. Dem ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin blieb Ratzinger demonstrativ fern - und begab sich lieber auf eine Firmreise nach Oberbayern.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, hat bittere Erfahrungen mit Ratzinger gemacht. Der Mainzer Bischof wollte Ende der Neunziger Jahre die Schwangerschaftskonfliktberatung der katholischen Kirche retten. Eine überwältigende Mehrheit der deutschen Bischöfe unterstützte diesen Kurs, doch Ratzinger erzwang einen Ausstieg aus dem staatlichen Beratungssystem. Später wandte er sich auch gegen den Verein „Donum Vitae“, den das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gründete, um weiterhin schwangere Frauen in Konfliktlagen beraten zu können.

Das ZdK steht für den Laienkatholizismus, der in Deutschland so stark ist wie in kaum einem anderen Land der Welt. Laienverbände wie die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands mit Millionen von Mitgliedern pochen seit Jahren auf mehr Mitspracherechte der Frauen. Doch auch in diesem Punkt zeigte sich Ratzinger bisher beinhart. Eine Priesterweihe von Frauen lehnt er kategorisch ab. Im Jahr 2002 exkommunizierte er sieben in Österreich geweihte Priesterinnen.

Ratzingers Stärke ist sein überragender theologischer Intellekt. Die wissenschaftlichen Publikationen des Dogmatikprofessors genießen einen guten Ruf. Die Wahl des Deutschen zum Papst adelt auch die deutsche Universitätstheologie. Und doch tun sich viele seiner ehemaligen Kollegen schwer mit ihm. In seiner „Instruktion über die kirchliche Berufung des Theologen“ betonte Ratzinger 1990 den Vorrang des Lehramtes vor der Freiheit der Theologie. Später verlangte er von Theologen einen Treueid; manchen verweigerte er das „nihil obstat“, also die Genehmigung zur Übernahme eines Lehrstuhls. Der Paderborner Theologe Eugen Drewermann verlor 1991 seine Lehrerlaubnis.

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