Joseph Ratzingers Jahre als Professor in Tübingen haben Spuren hinterlassen
"Er ist übel behandelt worden"

Rauhe Sitten herrschten Ende der Sechziger Jahre an der Universität Tübingen. Zielscheibe vieler Angriffe war Joseph Ratzinger, damals Professor. Die Erlebnisse haben den heutigen Papst geprägt.

HB TÜBINGEN. Der neue Papst denkt vermutlich nicht allzu gerne an Tübingen zurück. An der alt ehrwürdigen Eberhard-Karls-Universität erlebte Joseph Ratzinger Ende der Sechziger Jahre einen Kulturschock, der sein Denken stark geprägt hat. „Es ist ordinär zugegangen damals, und er ist übel behandelt worden“, berichtet sein damaliger Kollege Max Seckler, der den aufstrebenden Jungprofessor 1966 an die Katholisch- Theologische Fakultät geholt hatte. „Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“

Es war die Zeit der Studentenproteste. Ratzinger wurde mehr als andere zur Zielscheibe der Rebellen. Dabei galt er damals noch keineswegs als konservativer Hardliner. Im Gegenteil: Der junge Ratzinger gehörte zur Riege der aufgeschlossenen, fortschrittlichen deutschen Theologen, die das Zweite Vatikanische Konzil geprägt hatten. Ihr Programm lautete „Aggiornamento“, die Annäherung der Kirche an die moderne Welt.

Ratzinger war trotzdem anders als seine Kollegen. „Er hat eine Engelsstimme und ist ein poetischer Mensch“, sagt Seckler. „Und er hatte eine Schwäche: Im Umgang mit Konflikten war er nicht versiert. Er verträgt Aggressivität nicht gut.“

Konflikte gab es nicht nur mit Studenten, sondern auch mit Kollegen. Neben Ratzinger hatte in Tübingen auch Hans Küng einen Lehrstuhl für katholische Dogmatik. Beide mussten ihre Vorlesungen miteinander absprechen: Der eine hielt in einem Semester die Hauptvorlesung, der andere eine Spezialvorlesung. Im nächsten Semester wurde getauscht. Das ging nur eine kurze Zeit lang gut. Am Ende ging Ratzinger im Streit und wechselte 1969 an die Universität Regensburg.

1977 wurde Ratzinger Erzbischof von München und Freising, 1981 Präfekt der Glaubenskongregation in Rom. Während er also Karriere machte, geriet Hans Küng, sein Tübinger Kollege, auf ein kirchliches Nebengleis: Weil er die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen anzweifelte, wurde ihm 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.

Als Papst könnte Ratzinger seinen ehemaligen Kollegen nun rehabilitieren, wie es die katholisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen vor einigen Jahren verlangt hatte. Doch damit rechnet niemand. Ratzingers Kritiker sagen, seine Tübinger Zeit habe ihn dazu gebracht, die Annäherung der Kirche zur Welt zu stoppen, weil sie aus seiner Sicht zu Chaos und Relativismus führe.

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