Jürgen Schrempp
Ein ganz kühler Abgang

Selbstzweifel kennt er nicht. Auch nicht zum Abschied. "Daimler-Chrysler ist heute ein großartiges, global aufgestelltes Unternehmen", sagt Jürgen Schrempp mit kehliger Raucherstimme bei der Verleihung des Stihl-Preises.

HB FRANKFURT. Dem hochgewachsenen Manager geht es um mehr als nurTrophäen. Eingerahmt von einem schwarzen Flügel und einer silbernden Mercedes S-Klasse ficht der 61-Jährige auf dem Podium des Stuttgarter Theaterhauses seinen letzten einsamen Kampf - um einen Abschied in Würde und seinen guten Ruf in der Nachwelt.

Und so flimmert zur Laudatio ein Film der konzerneigenen Daimler-TV-Produktionsgesellschaft, die noch einmal den strahlenden Vorstandschef zeigt: 1998 auf dem Börsenparkett in New York. Die Fusion mit dem amerikanischen Hersteller Chrysler. Der gebürtige Freiburger wird als Stratege und Visionär gefeiert. Herrliche Zeiten waren das für ihn. Doch sie sind lange vorbei. Heute fällt das Urteil über den scheidenden Konzernlenker, der Ende des Jahres den Chefsessel an Chrysler-Chef Dieter Zetsche übergibt, ungnädig aus. Der Kapitalmarkt, den Schrempp einstmals zur entscheidenden Messlatte seines Erfolges machen wollte, fällt bei der Ankündigung des Führungswechsels ein promptes und zugleich vernichtendes Urteil. Schrempps Rückzug löst eine Kursrally aus - Höchststrafe.

Doch der Manager, der einst den Spitznamen "Rambo" erhielt, zeigt trotz vieler Häme seit der Ankündigung des Führungswechsels keinen Anflug von Bitterkeit. "I am a happy man", hatte er schon bei der Verkündung des vorzeitigen Abtritts mit sonoren Bass gesagt. Von den Daimler-Aktionären lässt sich dies kaum sagen: Von den "phantastischen Synergieeffekten", die Schrempp im Zuge der milliardenschweren Chrysler-Fusion versprochen hatte, ist bis heute wenig zu sehen. Erst ist es das langjährige Sorgenkind Chrysler, das die Bilanzen versaut. Kaum erweist sich die US-Sparte als saniert, rutscht der bisherige Stolz des Konzerns, Mercedes, in die Krise. Dazwischen kommt das Debakel mit dem Mautsystem Toll Collect, die Krise um den japanischen Autobauer Mitsubishi Motors, der Ausstieg bei Hyundai und ein zermürbender Rechtsstreit mit dem Ex-Chrysler-Großaktionär Kirk Kerkorian. Das US-Wirtschaftsblatt "Business Week" kürt Schrempp zum weltweit schlechtesten Konzernchef des Jahres 2003 - ein paar Jahre zuvor lautete der Titel noch "Manager des Jahres".

Der gelernte Kraftfahrzeugmechaniker hat stets polarisiert. Wie kaum ein anderer deutscher Top-Manager bedient der Badener mit seiner bisweilen aggressiven Hemdsärmeligkeit das Klischee des Machers. Grau gebe es bei ihm nicht, sagte Schrempp einmal, nur Schwarz oder Weiß. Gewinnen oder verlieren. Dafür hat er viel gewagt. Als er 1995 Daimler-Chef wird, krempelt er das Unternehmen komplett um und zerschlägt innerhalb kurzer Zeit den vom Vorgänger Edzard Reuter geschmiedeten Technologiekonzern. Sein Meisterstück liefert er mit der Fusion mit Chrysler ab. Als er wenig später noch bei Mitsubishi Motors einsteigt und eine Beteiligung am koreanischen Hersteller Hyundai erwirbt, ist Schrempp auf dem Höhepunkt seiner Macht.

Doch heute ist klar: Schrempp wollte zu viel zu schnell. Der ersehnte Erfolg stellt sich nie ein. Irgendetwas Entscheidendes geht im Konzern immer schief, wenn gerade der Durchbruch erreicht scheint. Es ist symptomatisch, dass selbst der von langer Hand inszenierte Abgang des Konzernchefs noch verunglückt. Weil der Zetsche-Rivale, Mercedes-Chef Eckhard Cordes, umgehend die Brocken hinwirft, schlittert das Unternehmen ungewollt in eine Führungskrise. "Ich würde schon ganz gerne als einer in Erinnerung bleiben, der den Konzern nach vorne gebracht, der die Fokussierung aufs Automobil vorangetrieben hat", sagt Schrempp heute. Es klingt wie ein frommer Wunsch.

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