Kabarett
Der schwarze Auschwitz-Profiteur

Ein farbiger französischer Kabarettist macht sich über den Holocaust lustig und füllt mit seinen antisemitischen Witzen die Säle. Besonders junge Franzosen feiern Dieudonné. Die Politik ist überfordert.

ParisEin farbiger Kabarettist, dessen Vater aus Kamerun stammt, ist innerhalb weniger Tage zu einem der größten innenpolitischen Probleme der französischen Regierung geworden. Der Innenminister Manuel Valls hat versucht, seine Auftritte wegen Anstiftung zum Rasenhass und Gefährdung der öffentlichen Ordnung verbieten zu lassen, vor Gericht aber eine Niederlage erlitten. Gegen diese Entscheidung zog Valls vor den Staatsrat, der im Laufe des Abends eine höchst ungewöhnliche Eilentscheidung fällte: Dieudonné darf vorerst nicht auftreten.

Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht gab am Donnerstagabend den Behörden Recht, die einen Auftritt Dieudonnés in Nantes untersagt hatten. Der Staatsrat in Paris annullierte nur zwei Stunden vor dem geplanten Beginn der Veranstaltung eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts von Nantes, das am Nachmittag ein Auftrittsverbot per einstweiliger Verfügung außer Kraft gesetzt hatte.

Dieudonné Mbala Mbala steht seit fast zwanzig Jahren auf den französischen Kleinkunstbühnen. In der Zeit hat er politisch eine weite Reise zurück gelegt, vom Aktivisten gegen Rassismus zum Erzähler antisemitischer Witzchen. Heute erreicht er ein hunderttausende Jugendliche zählendes Publikum mit einem einfachen Kunstgriff: Er bricht das letzte Tabu und macht Witze über den Holocaust. Die Schwierigkeit für den französischen Staat, die Behörden und die Politik: Je härter sie gegen ihn vorgehen, desto subversiver wirkt der Komiker und desto euphorischer stützen ihn seine Anhänger.

Dieudonnés Spektakel begeistern nicht nur Neonazis, sondern zur allgemeinen Verwirrung auch Migrantenkinder aus den Vorstädten und Linksradikale. „Mein Publikum sieht aus wie ein Kasten voller Buntstifte“, prahlt Dieudonné, der sich als größter Gegner des Establishments sieht. In dieser Rolle lieben ihn auch seine Anhänger: Er sei der einzige, der gegen den Mainstream auftrete und solle deshalb mundtot gemacht werden.

Sein erster Erfolg war es, den Schlager „Chaud Cacao“ zu covern, allerdings mit einem eigenen Text mit dem Refrain: „Shoa ‘nanas, Shoa ‘nanas, du packst mich bei der Shoah, ich pack dich an der Ananas.“ Dafür kassierte er eine Verurteilung zu einer Geldstrafe. Seine neueste Erfindung ist ein abgewandelter Hitlergruß, den er „Knödel“ getauft hat: Der rechte Arm wird ausgestreckt, aber zum Boden hin, der linke schlägt dagegen wie bei der italienischen „vaffanculo“-Geste. Die Mischung aus „Leck mich“ und Nazi-Gruß hat sich in Null Komma nichts verbreitet und wird sogar schon von manchen französischen Fußballspielern imitiert.

Für die Politik ist sie nichts anderes als eine antisemitische Provokation. Doch für Dieudonné sind die Kritiker, vor allem aus der Regierung und der jüdischen Gemeinde Frankreichs, aber auch sein früherer Partner Elie Semoun, der selber Jude ist, ein gefundenes Fressen. Er muss sie bei seinen Auftritten nur zitieren, breit grinsen, und schon windet sich sein Publikum vor Lachen.

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Widerwärtiger Humor

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