Kampf gegen Super-GAU
Japanische Regierung richtet Krisenzentrum ein

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TokioNach der Erdbebenkatastrophe in Japan kämpfen Techniker und Behörden unter Hochdruck gegen einen drohenden Super-GAU im Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi.

In drei Reaktoren ist eine Kernschmelze nach Angaben eines Regierungssprechers mittlerweile „höchst wahrscheinlich“. Zum Kühlen genutztes radioaktiv verseuchtes Wasser wird unterdessen aus den Reaktordruckbehältern direkt ins Meer zurück geleitet, wie die japanische Atomaufsichtsbehörde NISA der Nachrichtenagentur dapd auf Nachfrage bestätigte.

Die Betreiberfirma TEPCO hatte begonnen, die Reaktordruckbehälter, in denen sich die Brennstäbe befinden und in denen eine Kernschmelze vermutet wird, mit Meerwasser zu kühlen, nachdem die regulären Notkühlsysteme versagt hatten. Tobias Münchmeier von Greenpeace sagte der dapd-Nachrichtenagentur am Montagabend, dass Radioaktivität nichts in der Umwelt verloren habe, also auch nicht im Meerwasser. „Welche Folgen das aber genau hat, lässt sich zum momentanen Zeitpunkt noch nicht beurteilen.“

Die japanische Regierung richtet wegen der drohenden Katastrophe ein gemeinsames Krisenzentrum mit TEPCO ein. Ministerpräsident Naoto Kan erklärte am frühen Dienstagmorgen (Ortszeit), er werde die Arbeit in der Zentrale persönlich leiten.

In Fukushima-Daiichi gab es bereits an zwei Reaktoren schwere Explosionen, am dritten Reaktor lagen die Brennstäbe am Montag innerhalb weniger Stunden zwei Mal komplett frei. Die Behörden schlossen nicht aus, dass der Uran-Kern die äußere Schutzhülle des Reaktorblocks durchschmilzt und eine große Menge Radioaktivität austritt. Eine Entlastung des Reaktordruckbehälters ist offenbar derzeit nicht möglich, weil ein Ventil klemmt, wie TEPCO laut Auskunft des Atomenergieexperten Mycle Schneider mitteilte.

Bei der Wasserstoffexplosion in Block 3 des AKW Fukushima-Daiichi wurden die Außenwände zerstört und nach amtlichen Angaben elf Menschen verletzt. Regierungssprecher Yukio Edano erklärte, eine Kernschmelze in den drei Reaktoren von Fukushima-Daiichi sei „höchst wahrscheinlich“. Bereits am Wochenende waren 185.000 Anwohner im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk evakuiert worden. Bei 190 Personen wurden höhere Strahlenwerte gemessen.

Das Ausmaß der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vom Freitag wird allmählich immer deutlicher: Weit mehr als 10.000 Menschen kamen bisherigen Schätzungen zufolge ums Leben, stündlich werden weitere Leichen gefunden. Bergungstrupps kämpften sich in den vom Beben der Stärke 9,0 und dem folgenden Tsunami verwüsteten Orten an der Nordostküste mit Kettensägen und Spitzhacken durch Trümmer vor.

An der verwüsteten Nordostküste Japans bereiteten sich zahllose Menschen auf eine vierte Nacht ohne Wasser, Lebensmittel und Heizung vor. Auch Leichensäcke und Särge seien knapp geworden, sagte ein Beamter der Präfektur Iwata, die besonders hart getroffen wurde.

Wegen der Lage in Japan kommen die Atomkraftwerke in Europa auf den Prüfstand. Deutschland setzt die beschlossene Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke vorübergehend aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kündigte ein drei Monate dauerndes Moratorium an. Die Sicherheit aller deutschen Atomkraftwerke müsse rückhaltlos und vorbehaltlos überprüft werden. EU-Energiekommissar Günther Oettinger droht mit Kraftwerksschließungen. Auf Drängen Österreichs sollen Stresstests für alle Brüter in Europa beschlossen werden. Die Schweiz stoppte vorerst alle Pläne für neue Atomkraftwerke.


Agentur
dapd 
DAPD Deutscher Auslands-Depeschendienst GmbH / Nachrichtenagentur

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