Kampf um jeden Brief
Kleine Beiß-Schule für Postler

Lange genug haben sie es sich gefallen lassen, wurden angeknurrt, angekläfft, ja, angefallen. Jetzt sollen die Postboten beim Kampf um jeden Brief selber Zähne zeigen. So will es zumindest Post-Chef Klaus Zumwinkel und schickt seine Angestellten auf die Hundeschule. Immer gemäß dem Motto: Hauptsache die Post kommt an.

DÜSSELDORF. Knurrend beißt Schäferhund Obelix zu. Seine Zähne bohren sich tief in den Unterarm von Rolf Stöwe. Er zerrt und zieht am Armschutz des Hundetrainers.

Erst als sein Herr ihn zurückpfeift, lässt er von seiner Beute ab. „Auch umgängliche Hunde können aggressiv sein und beißen“, erklärt Stöwe den tapfer dreinblickenden, blau-gelb uniformierten jungen Männern auf dem Trainingsplatz des Hundevereins Kamen-Heeren. Der größte Fehler sei, vor einem Hund wegzulaufen. Denn der Beutetrieb werde beim Weglaufen erst Recht gereizt. Ruhe bewahren, heiße das Motto. Das helfe zwar nicht immer, aber meistens, sagt Stöwe.

Wirklich überzeugt sehen die jungen Männer nicht aus. Aber sie arbeiten seit kurzem als Briefträger für die Deutsche Post, und da gehört der Hund praktisch zum Berufsrisiko. Es gibt keinen Zusteller, der in Pension geht und nicht wenigstens einmal gezwickt oder gebissen wurde, sagt ein Post-Sprecher.

Zwar scheint sich das Verhältnis zwischen Briefträgern und Hunden zu bessern, meldet jedenfalls die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf einen Post-Sprecher. Denn die Zahl der von Hunden gebissenen Postboten geht zurück. Wurden 2003 noch 2 000 Zusteller von Dackeln, Doggen, Pinschern und ihren Artgenossen gebissen, waren es 2006 nur noch 610. Aber auch diese belasten die ohnehin durch neue Konkurrenten und den Wegfall des Briefmonopols arg gebeutelte Post noch genügend. Denn die nach den schmerzhaften Begegnungen krankgeschriebenen Boten fehlten insgesamt immerhin an 6 210 Tagen.

Doch der Kunde ist König, und sei er Hundehalter. Und weil Dienst-Hundekuchen auf Dauer teuer werden, schickt die Post ihre Boten in die Hunde-Schule. Im Kampf bis zum letzten Blutstropfen um jeden Brief (O-Ton Post-Chef Klaus Zumwinkel) müssen die Postboten selber Zähne zeigen. 80 000 Postboten bekommen nun Tipps von Hundetrainern, und erfahrene Zusteller führen Hunde-Merkkarten über besonders auffällige Vierbeiner. Auszubildenden spendiert die Post Praxisseminare.

Denn die Hauptsache ist, der Brief kommt an. Sonst trägt der Absender die nächste Sendung an den Hundehalter möglicherweise zur Konkurrenz. Und wenn es um den Arbeitsplatz geht, werden die Deutsch-Postler kampfesmutig – da schreckt auch kein Hund. Schließlich droht bei der Post ohnehin durch den Wettbewerb der Abbau von 32 000 Arbeitsplätzen. Da sind doch wohl eher sehr schnelle Bewegungen im Kampf mit Fiffi um den Brief angesagt.

Doch es gibt noch eine weitere Chance gegen die aggressiven Kläffer. Denn nicht die gelb-blaue Post-Uniform bringe die Tiere zum Beißen, weiß der Hunde-Trainer. Die meisten Unfälle gingen auf schlechte Hunde-Erziehung zurück. Da muss man ansetzen. Und da lässt sich vielleicht etwas machen. Wie wäre es mit Hunde-Dressur, sozusagen einer kleinen Beiß-Schule? Frei nach dem Motto: Beiße den anderen Boten, den in der orangen oder grünen Uniform, und du kriegst ein Leckerli. Auch so kann man die Kunden halten.

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