Grafitti im Ortskern von Kandel, einen Monat nach dem Messerangriff

Die Verwaltung und jene, die mit Flüchtlingen zu tun haben, erhielten anonyme Drohungen und Schmähungen.

(Foto: dpa)

Kandel sucht die Normalität Ein Monat nach Mias Tod

Der gewaltsame Tod einer 15-Jährigen in der Pfalz löste Ende Dezember Entsetzen aus. Mutmaßlicher Täter: ein Flüchtling. Das Kleinstadt steht plötzlich im Fokus Deutschlands – bis heute ist keine Ruhe eingekehrt.
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KandelVor dem Drogeriemarkt in Kandel erinnern nur noch ein paar Flecken aus weißem Wachs an Mias Tod. Sie stammen von den Kerzen, die für sie aufgestellt wurden. Die 15-Jährige wurde in der Kosmetikabteilung des Geschäfts erstochen. Am 27. Januar liegt die Tat einen Monat zurück. Den Eltern des Mädchens hat das Verbrechen unermesslichen Schmerz gebracht, wie der evangelische Pfarrer sagte. Und weil der Verdächtige ein afghanischer Flüchtling ist, erlebten die pfälzische Kommune und ihre etwa 9.000 Einwohner eine Auseinandersetzung, die noch lange nachhallen wird.

Die Verwaltung und jene, die mit Flüchtlingen zu tun haben, erhielten anonyme Drohungen und Schmähungen. Es geht dabei auch um den Hass, den manche empfinden, und darum, dass die Gemeinde sich deshalb dem Verdacht ausgesetzt sah, ein Hort rechter Umtriebe zu sein. Stadtbürgermeister Günther Tielebörger hat nach eigenen Angaben Morddrohungen bekommen, auch Verbandsgemeindebürgermeister Volker Poß (beide SPD) wurde bedroht. „Wenn Sie die E-Mails lesen, glauben Sie nicht, dass die Leute in Deutschland aufgewachsen sind“, sagt Tielebörger, der auch örtlicher SPD-Chef ist.

Der Vorsitzende des CDU-Gemeindeverbands Kandel, Michael Niedermeier, sagt, sein Eindruck sei, dass es „ganz, ganz vielen gegen den Strich ging“, dass der Fall auf die politische Ebene gehoben worden sei. Viele hätten die Trauer seiner Ansicht nach ausleben wollen und gesagt, es müsse mal Ruhe herrschen. Doch damit ist vorerst wohl nicht zu rechnen. Für Sonntag haben zwei Gruppierungen Demonstrationen angekündigt, es sind nicht die ersten. Das als eher rechts geltende „Frauenbündnis Kandel“ hat das Motto „Sicherheit für unsere Kinder“ gewählt. Erwartet wird zudem das „Aktionsbündnis Aufstehen gegen Rassismus“. Man hoffe, dass es friedlich ablaufe, sagt ein Sprecher der Verbandsgemeinde.

Dieser Teil der Realität vermischt sich mit dem Gedenken an die getötete Mia. Kalter Winterregen fällt auf ihr mit Blumen geschmücktes Grab. Der mutmaßliche Täter, der nach offiziellen Angaben ebenfalls 15 ist, war der Ex-Freund der Schülerin. Sie hatte sich von ihm getrennt, ihn sogar angezeigt, weil er ihr gedroht haben soll. Weil ihn nach der Tat mancher für älter hielt, entbrannte eine bundesweite Debatte um die Altersermittlung bei jungen Flüchtlingen. Der Afghane saß zunächst wegen Totschlagsverdachts in U-Haft, inzwischen wird wegen Mordes ermittelt. „Das war für viele wichtig“, sagt der CDU-Politiker Niedermeier

Mittlerweile sei es ruhiger geworden, sagen viele auf der von Fachwerkhäusern gesäumten Hauptstraße. Aber nicht jeder hat sich beruhigt. „Wenn ich das sagen würde, was ich denke, würde ich im Knast landen“, sagt ein etwa 35 Jahre alter Mann, der im Supermarkt neben dem Tatort einkauft. Ein „negativer Beigeschmack“ sei geblieben, sagt eine 58-Jährige aus der Umgebung. Man wisse nicht, „inwiefern man diesen Asylanten trauen kann, rein menschlich. Ich denke, man ist kritischer geworden“. Die Wirtin eines Lokals beim Bahnhof sagt, es sei abends sehr ruhig geworden. „Die Leute gehen nicht mehr fort. Die haben Angst.“

Eine 55 Jahre alte Blumenverkäuferin sagt dagegen, so eine Tat könne immer irgendwo passieren: „Das hat mit Ausländern nichts zu tun.“ Sie habe 20 Jahre in Bayern an einem Ort ohne Ausländer gelebt und trotzdem sei etwas passiert: Ein Nachbar habe Frau und Kind getötet und sich umgebracht. Eine 61 Jahre alte Bankangestellte sagt, die Tat von Kandel sei immer noch Thema, zum einen, weil die Menschen mitfühlten, zum anderen, weil die extremen Rechten sich organisiert hätten. Sie kämen von überall und missbrauchten den Fall für ihre Zwecke. Die Zustimmung dazu in Kandel sei aber nicht so wie mitunter dargestellt. Es gehe nicht gegen die Asylbewerber. „Die Leute haben Mitgefühl.“

Stadtbürgermeister Tielebörger sagt: „Es kommt sehr viel von außen, aber es sind auch welche aus Kandel dabei, die mitlaufen, mittun, die sich kritisch mit der Bundespolitik und den Asylsuchenden auseinandersetzen.“ Bund und Land seien nun gefordert, etwas gegen die Ursachen der Unzufriedenheit zu tun. Das Sicherheitsgefühl müsse wiederhergestellt und mehr für den sozialen Wohnungsbau getan werden. Manchen reichten zwei Einkommen nicht für Leben und Miete, Asylbewerber hingegen bekämen eine Wohnung, dürften aber nicht sofort arbeiten. „Dass das zu Unmut führt, ist ja klar.“

Der SPD-Politiker hat aus dem Fall seine Schlüsse gezogen. „Einmal die erschreckende Lehre, dass man längst nicht mehr in so einer vermeintlich heilen Welt lebt.“ Und dass die Gewaltbereitschaft im Internet in einem Ausmaß gewachsen sei, wie er es nicht für möglich gehalten habe. „Es werden Narben da sein“, sagt er. Nun wollten alle zur Normalität zurückkehren, aber ohne zu vergessen, was war. Die Stadt plane mit Unterstützung der Vereine für das Frühjahr ein internationales Begegnungsfest, ein Fest, bei dem sich alle wiederfinden sollten. Man wolle zeigen, „dass wir kein braunes Loch sind, demokratisch sind, keine Probleme haben, uns mit Ausländern zu beschäftigen“.

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  • dpa
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1 Kommentar zu "Kandel sucht die Normalität: Ein Monat nach Mias Tod"

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  • Unverständlich und zudem eine unsachliche Argumentation, wenn nicht wenige Bürger die nachweislich gestiegene Kriminalität mit durch Inländer begangenen Straftaten relativieren wollen.

    Die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen ist eine rein freiwillige Handlung. Eine humanitäre Geste, die zu oft ausgenutzt wurde.

    Wer von Kriminalität direkt und indirekt betroffen ist oder nur dafür demonstriert, nicht auch zu einem Betroffenen zu werden, kann dafür nicht kritisiert werden. Das ist unlogisch und grundfalsch.

    Die Verharmlosung und teils versuchte Vertuschung des Asylproblems zeigt nur den Ernst der Lage auf, derer die Verursacher mit ihrer naiven Einladungspolitik und Willkommenskultur nicht mehr Herr werden.

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