Kardinal widerspricht der landläufigen Meinung
Lehmann kämpft für neues Ratzinger-Bild

Kardinal Karl Lehmann, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, hat Papst Benedikt XVI. in Schutz genommen: Er sei kein erzkonservativer Theologe.

HB HAMBURG. Auf die Frage, ob er die Enttäuschung liberaler Kräfte in der Kirche nach der Wahl Ratzingers zum Papst verstehen könne, sagte Lehmann am Donnerstag im ARD-„Morgenmagazin“: „Eigentlich nicht, aber es wundert mich nicht.“ Er habe in den vergangenen beiden Jahrzehnten „immer wieder gegen ein zu verzerrtes Bild von Kardinal Ratzinger gekämpft“.

Dabei hat Kardinal Lehmann selbst schon bittere Erfahrungen mit Ratzinger gemacht. Der Mainzer Bischof wollte Ende der Neunziger Jahre die Schwangerschaftskonfliktberatung der katholischen Kirche retten. Eine überwältigende Mehrheit der deutschen Bischöfe unterstützte diesen Kurs, doch Ratzinger erzwang einen Ausstieg aus dem staatlichen Beratungssystem.

Lehmann relativiert heute: „Wenn auch da und dort mal verschiedene Einschätzungen waren über pastorale Situationen, kirchenpolitische Perspektiven, so habe ich ihn theologisch immer überaus geschätzt und habe nie einen Zweifel gelassen, dass ich ihn in der Theologie für einen genialen Mann halte“. Lehmann verwies auf Ratzingers Schriften, die zu wenig gelesen worden seien. „Wir müssen da, glaube ich, gerade in Deutschland eine Kurskorrektur durchführen.“ Dies habe auch seine erste Messe als Papst am Mittwoch gezeigt. Darin hatte Benedikt VXI. die Einheit der Christen als sein vorrangiges Ziel bezeichnet.

Lehmann zeigte sich überzeugt, dass Ratzinger bei seiner Amtseinführung als Papst am Sonntag in Rom „noch mal etwas von diesem durchaus mit Visionen ausgestatteten Programm“ erkennen lasse werde. Ratzinger habe von Anfang an zu den Wegbereitern des Zweiten Vatikanischen Konzils gehört, das er als Benedikt XVI. nun weiter umsetzen wolle. Lehmann verwies zudem auf Ratzingers „konstruktiven Willen in Richtung Ökumene“. „Ich glaube, mehr sollte man und kann man wirklich nicht verlangen.“

Wie weit die Worte Benedikts XVI. tragen, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, ist offen für eine bessere Zusammenarbeit der Kirchen. In einem Brief an den Papst hat er seine Hoffnung auf Fortschritte im ökumenischen Miteinander ausgedrückt. „Viele evangelische und katholische Christen erfüllt die Sehnsucht nach vertiefter Gemeinschaft der Kirchen“, schrieb Huber laut einer EKD-Mitteilung vom Donnerstag. Vor allem Familien verschiedener Konfession hofften darauf, auch gemeinsam das Abendmahl empfangen zu können.

Auch Karl Lehmann hat einen Brief Hubers erhalten. Darin schrieb er: Um das Miteinander der christlichen Kirchen weiterzuentwickeln, seien auch „neue Akzente und mutige Entscheidungen“ notwendig.

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