Katastrophe in Japan: Der Notfall und die Disziplin

Katastrophe in Japan
Der Notfall und die Disziplin

Japaner leben in staatlich verordneter Sicherheit. Jetzt machen sie eine fundamentale neue Erfahrung: Die besten Regeln schützen nicht vor einem Atomunfall. Ein Kommentar von Jan Keuchel.
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Selbst im größten Chaos war noch der Ansatz von Selbstdisziplin und Ordnung zu erkennen. Als am Freitag in Tokio die Erde bebte, funktionierte das lange geschulte System der Japaner. Kaum jemand drängelte, schubste oder beschwerte sich. Das Erdbeben hatte seine Regeln. Es war unfassbar, aber dennoch lange erwartet worden. Die meisten taten deshalb das, was ihnen offizielle Stellen über Jahre gepredigt hatten. Ruhe bewahren, aus den Bahnhöfen der Untergrundbahnen raus und sofort in die erdbebensicheren Gebäude hinein. Niemand wurde durch andere Flüchtende behindert oder verletzt. Es gab in Tokio kaum Tote oder Verletzte.

Anders sah es bei den Tsunami-Wellen aus. Zwar gab es Warnungen, aber die Heftigkeit der Katastrophe überraschte viele. Trotz eines ausgeklügelten Systems war Tausenden nicht mehr zu helfen. Das Notfallsystem hatte existiert, aber es hatte versagt.

Die mögliche Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima könnte all das auf dramatische Weise toppen. Es trifft die Japaner völlig unvorbereitet. Es sickert nur ganz langsam hinein in die Köpfe, das Unfassbare, das Unvorhergesehene. Der Glaube an die Beherrschung der Nukleartechnik war so groß, dass niemand Regeln für den Notfall aufgestellt hatte. Regeln für die an Regeln gewöhnte und nach Regeln funktionierende japanische Gesellschaft.

Das Verhältnis des Inselvolks zur Angst erscheint uns Europäern merkwürdig und widersprüchlich. Die Japaner sind eigentlich ein ängstliches Volk, sie machen sich Sorgen wegen allem und jedem. Der größte Horror im Land der aufgehenden Sonne ist die ungeregelte, Flexibilität erfordernde Situation. Erst die Ordnung bringt Japanern die innere Entspannung. Wer einmal mit einem Bus gefahren ist, erinnert sich vielleicht an die ständig wiederholten Ansagen. „Wir fahren jetzt los. Jetzt fahren wir. Gleich halten wir an. Wir halten.“

Das Ganze hat seine historischen Wurzeln. Seit Jahrhunderten lebt dieses Volk mit dem Unbeherrschbaren, das es durch das Aufstellen strikter Regeln zu kontrollieren versteht. Es hat Erdbeben durch strenge Bauvorschriften so in den Griff bekommen, dass dieses Mal in Tokio nicht ein einziger Wolkenkratzer eingestürzt ist. Die Japaner haben sich aber auch zugleich – eine der Kehrseiten der Medaille – auf übertriebene Weise gegen sie beängstigende fremde Einflüsse gewehrt. So kann in dem Land, das 250 Jahre lang völlig abgeschirmt vom Rest der Welt agierte, noch heute die Spende einer seit Generationen in Japan lebenden koreanischen Familie den Premierminister stürzen.

Gelder von Ausländern anzunehmen ist in Japan strengstens verboten. Premier Naoto Kan ist am Freitag wegen einer solchen Spende innenpolitisch schwer unter Druck geraten. Sein Außenminister ist wegen des gleichen Sachverhalts in der vergangenen Woche zurückgetreten.

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