Katastrophe von Nachterstedt
Nachterstedt galt lange als Gefahrenzone

Die Katastrophe von Nachterstedt hätte möglicherweise verhindert werden können. Schon vor Jahren bemerkte ein Anwohner Absenkungen in seinem Garten. Jetzt stellt das Landbergsamt in Sachsen-Anhalt die Nutzung von ehemaligen Tagebauregionen grundsätzlich in Frage.
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HB NACHTERSTEDT/MAGDEBURG. Wie die Staatsanwaltschaft in Magdeburg mitteilte habe der Anwohner die Kuhle zweimal aufgefüllt und einen Riss an seinem Schuppen repariert. „Der Mann hat dem keine weitere Bedeutung zugemessen und auch nicht die Behörden informiert“, sagte Oberstaatsanwältin Silvia Niemann. Andere Anwohner, die inzwischen ebenfalls als Zeugen befragt worden seien, hätten keine derartigen Beobachtungen gemacht. Ein Sprecher der für die Flutung von Tagebauseen zuständige Gesellschaft LMBV sagte dazu, „lokale Sackungen“ seien vor allem in Bereichen möglich, die mit lockeren Sanden aufgeschüttet worden seien. Dies könne mit alten Stollen im Untergrund zusammenhängen. Schlüsse über die Stabilität oder Instabilität des gesamten Gebiets ließen sich daraus jedoch nicht zwingend ziehen.

Die evakuierte Siedlung, von der am Samstag zwei Häuser von riesigen Erdmassen in den Concordia-See gerissen wurden, liegt auf dem Gelände einer Abbaustätte für Braunkohle, die im 19. Jahrhundert zugeschüttet wurde. Der Tagebau nebenan, der zurzeit geflutet wird, war bis 1991 in Betrieb.

Unterdessen stellte Sachsen-Anhalts Landesbergamt als Konsequenz aus dem Erdrutsch den Tourismus in Tagebaugebieten infrage. Nach dem Unglück müsse überprüft werden, ob bereits während der Tagebauflutung eine touristische Nutzung der Gebiete erlaubt werden könne, sagte der für den Altbergbau zuständige Dezernatsleiter Gerhard Jost. Bislang sei dies so von allen Beteiligten gewollt worden. „Wir müssen hier in Sachsen-Anhalt dringend untersuchen, ob weitere Standorte ähnliche Gegebenheiten wie Nachterstedt aufweisen.“

Die Staatsanwaltschaft Magdeburg beauftragte ein unabhängiges Ingenieurbüro, das Unglück zu analysieren und dabei auch zu klären, ob es vorher Hinweise darauf gab. Der Anwohner könne sich laut Staatsanwaltschaft nicht mehr genau an den Zeitpunkt der Absenkung in seinem Garten erinnern. In zwei bis drei Monaten wird mit dem Gutachten gerechnet.

Nach Einschätzung Josts können sich die Untersuchungen zur Ursache des Erdrutsches bis zu einem Jahr hinziehen. „In Nachterstedt haben wir eine Kombination von Phänomenen, mit der wir es bisher in Praxis und Forschung noch nicht zu tun hatten.“ Auf dem evakuierten Gelände sei mit weiteren Erdrutschen zu rechnen. An Gebäuden seien eine ganze Reihe Risse entstanden, auch im Erdreich gebe es auffällige Stellen. Einerseits handele es sich um ein sogenanntes klassisches Setzungsfließen, Erdmassen seien bis zu 400 Meter ins Wasser gestürzt. Im Bereich der Ufer-Böschung gebe es zudem trockene Brüche, dazu mehrere sogenannte Staffelbrüche. Bergbau-Experten könnten sich diesen bislang einmaligen Vorgang nicht erklären, es sei nicht vorhersehbar gewesen.

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