Katastrophe von Tianjin
Überfordert, vergiftet und zensiert

In der chinesischen Hafenstadt Tianjin regiert das Chaos: Auch am dritten Tag gibt es Explosionen, hochgiftige Chemikalien sind entwichen. Die Feuerwehrleute scheinen überfordert, die Regierung reagiert mit Zensur.
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PekingEs brennt und brennt. Auch am dritten Tag nach den ersten Detonationen in der chinesischen Hafenstadt Tianjin gibt es weiter Explosionen. Ein wahrer Giftcocktail muss in den Lagerhallen im Binhai Distrikt lagern.

Langsam rücken die Verantwortlichen auch mehr Details heraus, was in der Hafenanlage aufbewahrt wurde: hochgiftiges Natriumcyanid und andere gefährliche Chemikalien wie die brandfördernden Substanzen Kaliumnitrat und Ammoniumnitrat. Wie viel, sei noch nicht klar, teilte die Einsatzleitung mit.

Ammoniumnitrat ist besonders gefährlich, denn bei großer Hitze explodiert die Chemikalie. In Deutschland gelten deswegen besonders strenge Vorschriften.

In Tianjin wurde offenbar nicht so genau hingeschaut. In sozialen Netzwerken brach noch am ersten Tag der Detonation ein Sturm der Entrüstung über die Behörden und die verantwortliche Firma herein. Mittlerweile sind die meisten Kommentare verschwunden.

Chinas Zensoren haben sich in die Diskussionen und die Berichterstattung eingeschaltet. In einer Anordnung wurde chinesischen Online-Medien verboten, selber zu den Hintergründen der Detonationen in Tianjin zu recherchieren, heißt es in Dokumenten, die die Plattform „China Digital Times“ veröffentlicht hat. Lediglich die Meldungen der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua und Behördenberichte dürfen verbreitet werden.

Eine lokale Zensurbehörde wies alle Medien an, Bilder und Videos von den Explosionen und der Zerstörung zu löschen. Unter der Überschrift „höchste Dringlichkeit“ heißt es in der Anordnung, nur noch Bilder von den Aufräumarbeiten sollten verbreitet werden.

Während in Tianjin weiter gegen die Brände gekämpft wird, gibt sich die Regierung entschlossen. Die Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen, kündigte Staats- und Parteichef Xi Jinping an.

Die Kommission für Arbeitssicherheit kündigte einen Aktionsplan an. Kontrolleure würden im ganzen Land auf Inspektionen zu Firmen geschickt, die mit gefährlichen Chemikalien oder explosiven Stoffen arbeiteten. Die Lehren aus dem Drama von Tianjin würden umgehend gezogen. Das Unglück „enthüllt einen Mangel an Sicherheitsbewusstsein bei Unternehmen und eine lockere Umsetzung von Sicherheitsvorschriften“, ließ die Behörde über die Staatsmedien verbreiten.

Auch der deutsche Autobauer Volkswagen ist von dem Unglück betroffen. Wie schlimm der Schaden ist, sei noch nicht klar, sagte eine VW-Sprecherin. „Es gibt eine Task Force in Tianjin, die sich zuerst um das Wohlergehen unserer Mitarbeiter kümmert. Momentan liegen mir noch keine bestätigten Zahlen bezüglich der Importfahrzeuge aus dem Hafen in Tianjin vor“, sagte sie. Die Wolfsburger verlagerten ihre Neuwagen-Transporte nach dem Unglück nach Shanghai und Guangzhou, wie Xinhua berichtete.

Der Hafen von Tianjin gehört zu den wichtigsten Umschlagplätzen Chinas. Der Binhai Distrikt trägt zu 55 Prozent der Wirtschaftsleistung der gut eine Stunde von Peking entfernt gelegenen Zehn-Millionen-Metropole bei. 40 Prozent aller importierten Autos kamen über den Hafen von Tianjin nach China.

Stephan Scheuer ist China-Korrespondent des Handelsblatts. Quelle: Mirela Hadzic für Handelsblatt
Stephan Scheuer
Handelsblatt / Korrespondent China

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