Katastrophengebiet
Gemeinsam gegen die Schneemassen

Mit vereinten Kräften räumen Feuerwehr, freiwillige Helfer und Bundeswehr in Bayern die Schneemassen beiseite. Neben der zunehmenden Erschöpfung der Einsatzkräfte gibt es auch ein Problem mit den Schneeschiebern.

HB JANDLSBRUNN. Kerstin Kopp arbeitet normalerweise als Sekretärin im Büro des Wohnwagenherstellers Knaus. Jetzt steht sie in dichtem Schneetreiben auf der Fertigungshalle und schaufelt Schnee vom Dach. „Da helfen wir zamm. Des is' halt bei uns so“, sagt die 38-Jährige und schiebt die Mütze aus der Stirn. Neben ihr schippen 190 Feuerwehrleute und Bundeswehrsoldaten. Und auf dem Dach des Carports ist der Vorstandsvorsitzende der AG, Thomas Dickenberger, mit der Schneefräse unterwegs.

Knaus produziert seine Wohnwagen in Jandlsbrunn mitten im Bayerischen Wald. Der Krisenstab im Landratsamt von Freyung-Grafenau hat die Schneemassen auf den riesigen Fabrikhallen als besonders kritisch eingeschätzt und Helfer dahin beordert. Schon die ganze Nacht über schaufelten 50 Panzergrenadiere aus Regen mit einigen Feuerwehrmännern die weiße Last herunter; am Morgen wurden die erschöpften Soldaten von Kameraden aus dem 180 Kilometer entfernten Pfreimd abgelöst, und freiwillige Feuerwehren aus elf Gemeinden rückten zur Verstärkung an.

Max Gaßner hat die Übersicht. Der 57-jährige Kreisbrandinspektor ist der Einsatzleiter und hat das Pförtnerhäuschen zur Einsatzzentrale umfunktioniert. Er schiebt eine Dose Schnupftabak beiseite und weist auf einen Plan, auf dem die bereits geräumten Hallen grün, die anderen weiß markiert sind. Die meisten sind noch weiß. Daneben hat er eine Liste der Feuerwehren.

Die größte der insgesamt zehn Hallen ist 200 Meter lang und 120 Meter breit, das entspricht der Fläche von zwei Fußballfeldern. Sie wird am Donnerstagmittag weiter geräumt. Daneben gibt es 17 überdachte Parkplätze, die Carports, wo 1 700 Neufahrzeuge im Wert von mehreren Millionen Euro stehen. „Im Moment besteht keine Einsturzgefahr“, sagte Gaßner, „aber die Dächer müssen geräumt werden, der Sachschaden wär' enorm.“ Im November hat es zum ersten Mal geschneit, erklärt Betriebstechnik-Chef Helmut Holzinger. An Silvester hat es geregnet, dann fror es wieder und hat weiter geschneit. Inzwischen liegt der nasse, schwere Schnee 1,50 Meter hoch auf den Dächern. „Wir gehen von 200 bis 250 Kilo pro Quadratmeter aus, die auf das Hallendach drücken“, sagt Holzinger – das wären rund 5 000 Tonnen auf der großen Halle. Ein Statiker kommt alle paar Stunden vorbei und prüft die Lage.

Rund 200 Helfer sind im Dauereinsatz. Der Schnee, der von den Dächern heruntergeschoben und -geschaufelt wurde, türmt sich unten bis zu zehn Meter hoch. Schneepflüge, Radlader, Gabelstapler und Lastwagen verlagern die Berge auf freie Flächen weiter hinten auf dem Betriebsgelände. Immerhin konnte Knaus noch 70 breite Schneeschieber, so genannte Schneehexen, sowie fünf Schneefräsen kaufen oder leihen. „Jetzt ist es unmöglich, im Bayerwald noch was zu kriegen“, sagt Technikchef Holzinger. Der Betriebskurier habe am Mittwoch den ganzen Landkreis abgefahren, vergebens. Erst in Deggendorf sei er fündig geworden. „Inzwischen hat sogar die Feuerwehr angefragt, ob wir ihnen nicht ein paar ausleihen wollen für andere Hallen“, sagt Holzinger.

Das Rote Kreuz ist mit acht freiwilligen Helfern, einem Rettungswagen und einem Gerätewagen mit 40 Feldbetten vor Ort. „Wir könnten eine Halle schnell zum Hospital umfunktionieren“, sagt der Gruppenleiter. Aber bisher verlief der Einsatz ruhig: Fünf Männer kamen mit Schürfwunden und Kreislaufproblemen. Ein Soldat brach vor Erschöpfung zusammen und wurde vorsorglich ins Krankenhaus gebracht.

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